
Die Regenzeit hat begonnen, der Monsun steht uns bevor. Im Norden des Landes haben für diese Jahreszeit ungewöhnlich heftige Stürme und Regenfälle erhebliche Schäden an Infrastruktur, Landwirtschaft und Häusern angerichtet. Es gab mehrere Todesfälle und Hunderte Verletzte. In Bangladesch stiegen die Flüsse zum Teil um bis zu 65 Zentimeter an. Im Südwesten des Landes wurden ganze Landstriche überschwemmt. Zahlreiche Dämme brachen und große Gebiete sind unbewohnbar. Viele Einwohner hatten keine Wahl: Sie mussten umsiedeln. Nach den Überschwemmungen im südlichen Teil des Distrikts Cox’s Basar hat sich die Lage glücklicherweise schnell wieder erholt. Hier ist der Wasserspiegel wieder auf dem Niveau vor den Unwettern, die Schäden an den Lehmhäusern sind repariert und die Reisfelder für die nächste Aussaat hergerichtet.
Heftige Ausschreitungen Sorgen macht uns auch die äußerst angespannte politische Stimmung im Land. Die Oppositionspartei BNP ruft zu Massendemonstrationen auf und will einen vorzeitigen Regierungswechsel herbeiführen. An den staatlichen Universitäten finden regelmäßig heftige Kämpfe zwischen den Jugendverbänden der Regierungs- und der Oppositionspartei statt. Dabei kamen mehrere Menschen zu Tode, zahlreiche wurden verletzt. Wenn man das politische Geschehen in Bangladesch beobachtet, drängt sich der Verdacht auf, dass die allgegenwärtige Korruption der einzige Antrieb für die politischen Aktivitäten im Land ist.
Korruption an der Tagesordnung Die Medien berichten zwar häufig über diesen Missstand, von Seiten der Regierung gibt es allerdings keine Reaktion. In den Zeitungen ist täglich vom sogenannten “land grabbing“ zu lesen: Unternehmen kaufen riesige Flächen fruchtbaren Ackerlands auf. Denn in dem dicht besiedelten Land versprechen Immobiliengeschäfte immense Profite. Das Vorgehen ist dementsprechend skrupellos. Flüsse und Seen werden illegal zugeschüttet, Agrarland und Naturschutzgebiete geplündert, um neues Land für den Siedlungsbau zu schaffen. Bestehende Bauvorschriften in Bezug auf Brandschutz und Erdbebensicherheit werden so gut wie nie eingehalten. Selbst einige Politiker prangern die schlechte Qualität dieser Gebäude an. Hinter diesen Geschäften stehen nicht selten mächtige Funktionäre der Regierungspartei. Zusätzlich verkompliziert wird die Situation durch die schwieriger werdende Versorgung mit Wasser, Strom und Gas. Sogar in der Hauptstadt Dhaka steigen die Stromausfälle auf bis zu zehn Stunden am Tag. Das Gas wird schon seit einer ganzen Weile streng rationiert. Darunter leidet nicht nur der Verkehr – fast alle Kraftfahrzeuge werden mit Gas betrieben – sondern auch die Industrie. In Folge der Trinkwasserknappheit breiten sich Durchfall-Epidemien im ganzen Land aus. Die Regierung scheint nicht annähernd in der Lage zu sein, etwas gegen die Probleme des Landes auszurichten. Ganz zu schweigen von zukünftigen Herausforderungen, wie sie zum Beispiel Klimaveränderungen mit sich bringen werden.
Unsere Projektarbeit Auch unsere Arbeit leidet unter diesen Umständen: Die Ausweitung der Unterstützung der Upazilla-Krankenhäuser in Ramu, Maheschkali, Kudubdia und Cox’s Bazar Town wird weiterhin von der staatlichen Behörde „NGO Affair Bureau“ blockiert. Unser Antrag zur Genehmigung wurde Anfang April eingereicht, allerdings noch immer nicht bewilligt. Die Mühlen der Bürokratie mahlen hier noch langsamer. Und auch die Flüchtlingspolitik der Regierung gegenüber den Rohingas aus Myanmar bremst den Prozess, obwohl unser Projekt nicht direkt damit zusammen hängt. Der Einsatz von uns sowie anderen lokalen und internationalen NGOs ist nicht gern gesehen. Bedauerlich ist das vor allem, weil das große Sadar-Krankenhaus in Cox’s Bazar in desolatem Zustand ist und dringend Unterstützung benötigt. So kann der kürzlich fertiggestellte Anbau noch nicht genutzt werden, weil grundlegende Dingen wie Betten und Matratzen fehlen. Dabei ist diese Einrichtung das Referenzkrankenhaus und für die über zwei Millionen Einwohner des Distriktes zuständig.
In Cox’s Bazar ist die lokale Touristensaison vorbei und es kehrt wieder mehr Ruhe in die Stadt ein. Das Klima hier ist um einiges erträglicher als in Dhaka, wo die Temperaturen über 35 Grad steigen. Letzten Monat haben wir eine erste Inventur der Lagerbestände unserer gestifteten Medikamenten in den Krankenhäusern und Subcenter durchgeführt. Das Ergebnis war sehr erfreulich: Es gab kaum Fehlbestände, der Umgang mit den Medikamenten ist sehr verantwortungsvoll. Außerdem hat vor kurzem unser neuer Arzt seine Arbeit begonnen. Er ist ein großer Gewinn für das Projekt, hochmotiviert und trotz seines jungen Alters sehr professionell. Gemeinsam mit ihm werden wir nun die neuen Krankenhäuser besuchen und mit den dortigen Ärzten den Bedarf an medizinischen Mitteln abstimmen.
In Teknaf, einem südlich gelegenen Unterbezirk Bangladeschs, bessert sich das Verhältnis zur Krankenhausleitung mit jedem Tag. Mehr und mehr weiß man unsere Unterstützung zu schätzen. Das ist eine schöne Motivation. Mittlerweile wurde der Erweiterungsbau offiziell eingeweiht. Darüber hinaus haben wir einen Raum für zahnmedizinische Behandlungen eingerichtet. Zudem unterstützen wir nach wie vor die Krankenhäuser in den Unterbezirken in Teknaf, Uhkia und Chakaria sowie die Subcenter in Nila, Eidgah und Badarkali. Auch diese Einrichtungen erhalten von der Regierung viel zu wenig Medikamente, medizinisches Gerät und vor allem nicht auseichend Personal.
Hilfe auch für abgelegene Dörfer Unser Arzt Shajib Hossain ist dreimal wöchentlich mit einer ambulanten Klinik in den am stärksten von den Unwettern betroffenen Gebieten unterwegs. Während der Sprechstunden werden etwa 150 Patienten behandelt und mit kostenlosen Medikamenten versorgt. Bei seinen Touren wurde er auf einige Dörfer aufmerksam, deren Einwohner die staatlichen Krankenhäusern und Gesundheitszentren in Teknaf, Ukhia und Nila kaum erreichen können. Vom Ort Baharchara beispielsweise kommt man lediglich bei Ebbe über eine 20 Kilometer langen Weg entlang der Küste nach Cox’s Bazar. Die asphaltierte Straße nach Wykong ist aufgrund der häufigen Überfälle sehr unsicher und wird von den Einheimischen gemieden. Aufgrund dessen ist unsere Arbeit in den abgelegenen Dörfern besonderes wichtig.
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