Humanitäre Offensive für die Afghanen

Artikelinfo
Datum: 
16.11.2001
Autor: 
Rupert Neudeck

Kommt es zu einer humanitären Offensive?

Der Sieg über die Taliban kommt für unsere Politik einfach zu schnell.

Siegt man schön, aber bitte nicht so schnell!

Bis heute darf niemand Entwarnung geben. Die Briten sind am Flughafen Kabul - wie wir hören. Ob der Flughafen in Mazar i Sharif auch für humanitäre Flüge frei wird, ist immer noch unsicher.

Cap Anamur ist dringend daran interessiert, andere Zugänge für die humanitären Transporte zu bekommen. Denn Tadschikistan wird auf Dauer nicht ausreichen. Ein Visum dort in der Botschaft Tadschikistans sowie die Erlaubnis zum Grenzübertritt über eine der härtesten Grenzen der Welt zu bekommen, ist schon fast eine Zumutung. Die Grenze ist viermal mit Kontrollen gestaffelt: Erstens die Kontrolle der Tadschiken, zweitens die der russischen Armee, drittens die der russischen Zivilbehörde, viertens die des KGB, des russischen Geheimdienstes.

Wir bekommen jedes Mal nur ein Dreimonatsvisum, obwohl unsere Mitarbeiter kaum einmal aus Afghanistan in den mindestens sechs Monaten ihres Aufenthalts herauskommen.

Die Fähre wackelt immer noch an dem klapprigen Seil, getrieben von dem mickrigen Dieselmotoror eines Traktors, über den Amurdrija. Nichts hat sich geändert.

Der UNHCR rechnet zwar mit Flügen nach Kabul in den nächsten Wochen. Niemand weiß etwas Genaues.

Der clevere Außenminister Dr. Abdullah der Nordallianz sagt der Weltgemeinschaft: Wir laden die UNO ein, uns hier in Kabul beim Aufbau einer neuen Infrastruktur zu helfen. Er lehnt aber im gleichen Atemzug die Entsendung der UN Armee der Freiwilligen ab, die - wie man aus dem Weltsicherheitsrat in New York hört - aus Truppenkontingenten Jordaniens, der Türkei, Indonesiens und Bangla Deshs bestehen soll ("Armee der Freiwilligen"). Die Erfahrung, die wir Helfer in den letzten zehn Jahren mit den UN-Regierungen und Protektoraten gemacht haben, läßt uns nicht gerade jubilieren. Die UNO-Klasse ist eine behäbige, hochbezahlte internationale Jet-Set-Klasse geworden. Bei den ersten Schüssen vor Ort wird diese Klasse in der Regel evakuiert.

Die Regierungsinternationale läßt lieber einen Völkermord in Ruanda widerstandslos geschehen als daß sie auf ihre Evakuierungs-Menschenrechte verzichtet.

Wir haben bisher keinen Partner vor Ort. Wir haben bis heute eine sog. Regierung und den jeweiligen Kommandanten. Die Regierung Afghanistans führt diesen Titel nur völkerrechtlich zu Recht, aber nicht, was die Praxis angeht. Deshalb werden wir eine Stelle brauchen, die uns als Nicht-Regierungsorganisation auch einen Platz zuweist.

Die Hilfsorganisationen werden sicher auf die Hilfe und die logistische Planung der Armeen und auf militärisch durchgeführte Lufttransporte angewiesen sein. Cap Anamur möchte dringlich empfehlen: Die Bundesregierung muß jetzt einen Diplomaten mit ausreichendem Mandat als Sonderbotschafter oder Staatssekretär mit humanitärem Mandat nach Kabul und Mazar i Sharif schicken, damit die Hilfe auch vernünftig vor Ort ankommt.(Typ: Dr. Bernard Kouchner oder Typ Hans Koschnik)

Auch wäre es für unseren Bundestag, wie das vor 20 Jahren die Regel war, eine Pflicht- und keine Kür-Übung, eine interfraktionelle Delegation ganz schnell nach Kabul oder Mazar i Sharif zu schicken. Denn wie kann deutsche Politik weiterkommen, wenn nicht mal mehr die Abgeordneten Neugierde genug und Lust auf den allerersten und authentischen Augenschein haben.1984 bis 1988 hatten wir doch zwei Handvoll deutscher Abgeordneter, die illegal über die Grenze Pakistans in die Provinz Paktia zogen, um sich selbst ein Bild zu machen. Nicht nur der MdB Jürgen Todenhöfer, auch andere, auch Hans-Jürgen Wischnewski.

Cap Anamur arbeitet jetzt heftig in der Provinz Takhar. Wir sind dabei, die Ambulanz in Dasht-e Qaleh aufzubauen. Jetzt nach der Eroberung von Taloqan gibt es die klare Entscheidung, daß das Hospital von Cap Anamur in Taloqan gebaut werden muß. Unser Team, das in den nächsten acht Tagen durch zwei Ärzte und zwei Ingenieure verstärkt wird, hat einen dritten Platz: Hodschagar. Dieser Ort liegt westlich von Dasht-e Qualeh, schon in der Provinz Kunduz. Dorthin sind viele der von uns betreuten und versorgten Flüchtlinge wieder zurückgegangen. Wir hatten den Flüchtlingen versprochen, daß wir sie auf dem Weg in ihre Heimatdörfer begleiten würden.

Not lehrt nicht beten und lehrt schon gar nicht soziales Bewußtsein und Solidarität. Die Afghanen haben bisher noch nichts davon gespürt, daß es in modernen Gesellschaften das Bindegewebe der Solidarität für die Schwachen und Armen geben muß. Bisher gilt das Recht des Stärkeren. Deshalb gibt es so viele Haifische in der Gesellschaft, die mit der Währung manipulieren. Solche, die sich ihre sehr bescheidenen Dienste als radebrechende Englisch- oder Deutsch-Dolmetscher völlig außerhalb von Raum und Zeit hoch bezahlen lassen.

Wir beklagen das: Es ist aber auch Ausdruck der Verlassenheit dieser Menschen. In den Bergdörfern finden wir noch eine traditionelle Moral und eine Haltung, die denen der alten Afghanen würdig ist.