Bangladesch

Von Markus Leenen

Freitag, den 11. April

Am Montag ist mir ein riesenhafter Bulldozer in der Nähe zu unserem Office in Dhaka aufgefallen. Meine erste Assoziation war, dass wohl in der Nähe ein größeres Straßenbauprojekt startet. In direkter Nachbarschaft befindet sich ein kleines Slumgebiet, in dem die Menschen unter sehr widrigen Umständen in zurechtgeschusterten Hütten leben. Für diesen Teil der Welt ist das nichts Besonderes – man bemerkt es kaum noch. Als ich mir allerdings am Dienstag etwas zu Essen holen wollte, ist es mir doch recht deutlich ins Auge gefallen – an diesem Tag waren die Hütten einfach nicht mehr da. Der von mir am Tag zuvor bestaunte Bulldozer war von der Regierung bestellt und hat aus den Behausungen der ca. zehntausend Menschen neues Bauland rekultiviert. Als mir dann unser Mitarbeiter Belal erzählte, dass unsere Reinigungsfrau, die einmal in der Woche vorbeikommt auch dort gelebt hat, ist mir einiges klar geworden. Wir hatten uns vorher (jeder beharrlich in seiner Sprache) versucht zu verständigen. Sie wollte mir einfach nur von ihrem aktuellen Schicksal erzählen und ich dachte es geht um unser staubiges Büro. Ich habe mich mit unserem Mitarbeiter Shabbir über das Geschehene unterhalten, er sagte, dass nichts davon in den lokalen Zeitungen oder in den Nachrichten gebracht wurde. Ist das hier so alltäglich oder hält die Regierung ihre Hand darüber? In den nächsten Tagen haben zumindest die unterschiedlichsten Polizei- und Militäreinheiten die Menschen dabei beobachtet, wie sie ihre letzten Habseligkeiten aus den Trümmern befreit haben.

Montag, den 12. April

Heute haben wir alle nötigen Unterlagen bei den Behörden eingereicht um eine Projekterlaubnis für vier Jahre, die Erlaubnis ausländisches Geld ins Land zu bringen sowie eine Arbeitserlaubnis für einen Arzt und für mich zu erhalten. Wir haben insgesamt ca. 40 Seiten in Englisch verfasst, die wir 9-fach einreichen mussten. Ganz großes Kino..

Am 14. April musste ich zurück nach Deutschland, da mein Touristenvisum abgelaufen war und die Anträge noch einige Zeit in der Behördenpipeline liegen würden, bis mein Arbeitsvisum ausgestellt konnte. Fünf Wochen später, am 22. Mai, durfte ich wieder nach Bangladesh einreisen, diesmal zusammen mit dem Arzt Prospero Tolete, einem pensionierten Augen- und Allgemeinmediziner aus Berlin.

Donnerstag, den 26.06.08

Ich bin nun seit fünf Wochen wieder in Bangladesh und es hat sich hier schon einiges getan. Im Moment gibt es zwei Projekte, die parallel laufen. Zum einen unterstützen wir das Allgemeine Krankenhaus in Khanjanpur/ District Joypurhat. Noch sind die Möglichkeiten des Krankenhauses sehr begrenzt. Es gibt weder Notfallambulanz noch einen Operationssaal, kaum Möglichkeiten Stuhl- und Blutproben zu untersuchen und keine stationäre Versorgung. Eine Behandlung ist so kaum möglich. Cap Anamur hat in Absprache mit der Krankenhausleitung eine Liste von ca. 60 unterschiedlichen medizinischen Geräten aufgestellt (vom Ultraschallgerät bis zum Operationslicht) – Preise und Qualität von unterschiedlichen Herstellern und Händlern verglichen. In den nächsten Tagen werden wir die Geräte kaufen. Neben der medizinischen Ausstattung stellen wir auch eine Bandbreite von ca. 100 unterschiedlichen Medikamenten in ausreichender Menge zur Verfügung, die für verschiedene Bereiche des Krankenhauses gebraucht werden. Dazu sind einige strukturelle und kleine bauliche Veränderungen nötig.

Geplant ist auch ein Ernährungsprogramm für unterernährte Kinder, die einmal wöchentlich mit einer speziellen Nahrungsergänzung versorgt werden sollen. Rund 50% aller Kinder unter fünf Jahren sind unterernährt. Es gibt in Bangladesh sogenannte „Health Care Worker“, Leute die von den Bezirksverwaltungen und von lokalen NGO´s in die Dörfer geschickt werden um die Bevölkerung über häufige Krankheiten aufzuklären. Ihre Aufgabe ist es vor allem diese Erkrankungen zu erkennen und den Menschen mitzuteilen, wo sie sich behandeln lassen können. Cap Anamur wird hier in Khanjanpur kostenlose Schulungen solcher „Health Care Worker“ organisieren.

Das Verhältnis von Einwohnern zu Ärzten liegt in Bangladesh bei 1:5000 – im Vergleich dazu kommt in Deutschland ein Arzt auf 270 Bewohner. Da kann man sich leicht vorstellen, wie wichtig hier eine Verbesserung der bestehenden medizinischen Verhältnisse ist. Das ironische an dieser Statistik ist allerdings, dass es in Bangladesh ein gesetzlich vorgeschriebenes Verhältnis gibt: auf drei Ärzte und drei Krankenschwestern dürfen maximal 10 stationäre Patienten kommen. Eine völlig absurde Forderung, die kein einziges Krankenhaus in Bangladesh einhalten kann! Allerdings muss jede Klinik für das nicht Einhalten dieser Regel jährlich reichlich Schmiergeld zahlen. Offiziell behandeln staatliche Krankenhäuser in Bangladesh ihre Patienten kostenlos. Faktisch haben diese Krankenhäuser gar nicht die finanziellen Möglichkeiten dazu. Wenn also ein Patient in einem staatlichen Krankenhaus behandelt werden will, muss er alle Materialien, alle Medikamente, die Anästhesie etc. selbst bezahlen.

Eine Blinddarmoperation z. b. kostet mindestens 120,- Euro. Das Durchschnittseinkommen liegt bei 0,78 Euro pro Tag. Es gibt hier kaum Menschen, die sich eine Krankenversicherung leisten können und selbst bei Besserverdienenden ist eine Krankenversicherung wenig verbreitet. Ich bin bei diesem Projekt sehr zuversichtlich, da es bereits eine gut funktionierende Infrastruktur im Krankenhaus gibt und die angegliederte Augenklinik sehr gut läuft. Ab August wird uns dann auch noch die Kinderkrankenschwester Frauke Esten aus Deutschland unterstützen.

Das zweite Projekt von Cap Anamur läuft parallel an und beinhaltet die Planung und Ausführung eines neuen Schulgebäudes für die Pahananda School für ca. 160 bis 200 Schüler. Das Gelände befindet sich ebenfalls im Distrikt Joypurhat und steht auch unter der Leitung der Mission. Das neue Schulgebäude wird als Stahlbetonskelettkonstruktion hergestellt und erhält ein leicht geneigtes Flachdach aus Beton mit großem Dachüberstand, um die Klassenräume vor Regen und Sonne zu schützen. Flachdächer aus Stahlbeton sind bei öffentlichen Gebäuden weit verbreitet und kostengünstiger als Zinkblechdächer. Die oberste Schicht eines Betondaches besteht aus einer sehr feinen Putzschicht, die den Beton vor Wasser schützt und nach 50 Jahren ausgetauscht werden muss. Holz als Baumaterial ist hier sehr schwer zu bekommen, da Bangladesh kaum noch Wälder besitzt und ich keine Tropenhölzer als Bauholz benutzen würde. Die Qualität der „normalen“ Hölzer ist außerdem sehr schlecht. Diese massive Gebäudekonstruktion wird so schnell bei keinem tropischen Wirbelsturm davonfliegen.Bevor allerdings mit dem Bau des Schulgebäudes begonnen werden kann, müssen wir eine ca. 120 Meter lange „Spundwand“ aus Stahlbeton und Mauerwerk herstellen, um die Uferkante des Dorfsees, der sich auf dem Schulgelände befindet, vor weiterer Erosion zu schützen.

Jedes Mal, wenn ich die Baustelle betrete, versammelt sich innerhalb von wenigen Minuten eine Menschenmenge von locker dreißig Leuten aus der Nachbarschaft. Bei soviel Zuschauern kann das ja nur eine gute Handmischung werden…Am Dienstag, den 17.06.08 war offizieller Baubeginn und in der Tradition der Bangladeschi haben der Imam, als religiöses Oberhaupt, der Hamburger Exilarchitekt sowie der Contractor die ersten Schaufeln Beton in die Fundamente geworfen. Anschließend gab es für die anwesenden Dorfbewohner und Arbeiter Süßigkeiten. Immer, wenn etwas Neues begonnen wird oder wenn etwas Besonderes geschieht, muss die betroffene Person die Nachbarschaft mit Süßigkeiten versorgen. In asiatischen Gesellschaften hat die Gemeinschaft großen Anteil am Schicksal des Einzelnen.

Mittwoch, den 02.07.08

Die 120 Meter lange Uferbefestigung ist fast fertig gestellt. Jetzt fehlt „nur“ noch das neue Schulgebäude.