Inferno Goma
Naturkatastrophe - Auch eine humanitäre Katastrophe ?
Brief von dem Cap Anamur-Arzt Dr. Lothar Winkler an die Zentrale des Komitees CAP ANAMUR
L.Winkler, Gisenyi / Goma 22.01.2002
Liebes Komitee CAP ANAMUR, zur Zeit ist Goma in den Medien präsent, aber was ist in zwei Wochen, weiß dann noch jemand, wo dieser Ort liegt und was dort passiert ist, das Bildungs- und Gesundheitssystem der Stadt hat schweren Schaden erlitten und den kann man nicht kurzfristig mit Nahrungsmitteln, Wasser und sanitären Anlagen beseitigen. Deshalb sollte man jetzt, wo die Sache heiß ist, konkrete Projekte zur langfristigen Hilfe festlegen, sonst passiert nämlich nichts.
Ich habe es also gestern erstmals geschafft, in den anderen abgeschnittenen Stadtteil zu kommen, in dem sich die meisten der zerstörten Wohnviertel befinden. Ich bin mit einem Boot von Gisenyi zum erhaltenen Hafen von Goma gefahren. Man passiert bei dieser Passage den ca. 2 km breiten Lavastreifen, wo sich noch immer dampfende Massen in den See ergießen. Der Blick auf diesen Streifen erinnert an eine Mondlandschaft. Hier habe ich mal gewohnt, der Schwefelgestank nimmt einem den Atem. In den nicht zerstörten Vierteln hat der Alltag begonnen. Die Menschen, die noch Häuser haben, versuchen so zu leben wie vorher. Die, die alles verloren haben, campen auf den freien Geländen um die Kirchen, die Universität und andere Plätze und Parks. Ich bin dann weiter nach Sake gefahren, ca. 20 km, dort merkt man nichts von dem, was in Goma passiert ist. Die Flüchtlinge sind fast alle wieder in die Stadt zurückgekehrt, was die Problematik nicht vereinfacht. Wir werden uns auf die Stadt konzentrieren müssen, wir haben angefangen, Lebensmittel ausserhalb der Stadt einzukaufen, um nicht das Wenige, was es noch gibt, der Bevölkerung zu entziehen, die in der Lage ist, sich selbst zu versorgen. Die ersten Transporte treffen heute ein.
Ich werde mir heute vier Gesundheitszentren anschauen, die wir dann mit Medikamenten und Material aufstocken, um so eine Gesundheitsversorgung zu sichern, denn das nationale System, wird unter den momentanen Umständen nicht ausreichen.. Der Rückweg zu Fuß, über die noch dampfende Lava, war schrecklich, dort, wo einmal der Markt und das kommerzielle Zentrum war, ist nichts mehr als eine schwarze Masse, aus der die ehemalige Kathedrale als ein bizarres Dreieck herausragt.
Aber das Leben geht weiter und jetzt habe ich hier mehr zu tun als ich mir vorgestellt habe. Was sich hier in den letzten Tagen ereignet hat und weiterhin abläuft ist unglaublich. PAM (Programme d'Alimentation Mondiale, die "Welternährungsorganisation" ) hat nach eigenen Angaben 1000 Tonnen Lebensmittel in ihrem Lager in Goma, welches nicht zerstört wurde. Sie weigern sich, diese Lebensmittel zu verteilen, mit der Begründung, dass Goma noch nicht sicher sei und sie die Leute nicht ermutigen wollen in die Stadt zurück zu kehren. Aber die Menschen sind schon da, was soll das ? Es ist wie im März mit den rückkehrenden Flüchtlingen, die sie auch einfach ignoriert haben.
Heute war ich auf einer Sitzung der internationalen humanitären NGO`s, die alle Hilfe versprochen haben. Ich habe meinen Ohren nicht getraut. Sie haben darüber diskutiert, wie sie sich am besten gegen die giftigen Gase schützen, wie man feststellen kann, ob Bürogebäude noch brauchbar sind, ob es ratsam sei, schon jetzt in die Stadt zurück zu kehren etc. Sie diskutieren ihre eigenen Probleme und vergessen vor lauter Eigenliebe, worum es eigentlich geht. Nach einer Stunde bin ich gegangen, es war unerträglich, zu mal keiner von den in der Sitzung anwesenden Repräsentanten in Goma oder Gisenyi wohnt, sondern alle reisen aus Ruhengeri oder Kigali an. Deshalb findet die Sitzung erst um 16 °° Uhr statt, da hat man Zeit anzureisen und zum Schlafen zurück zu sein. Die Vertreter dieser Organisationen müssen wirklich aufpassen, dass aus der Naturkatastrophe, die zu einer humanitären Katastrophe geworden ist, nicht auch noch eine Katastrophe der "Humanitären" wird.
Ich habe dann die Gesundheitsministerin (der Kivu Region) gesprochen und mit ihr unsere weiteren Pläne abgestimmt. Jetzt gehe ich an die Arbeit, ohne weitere Besprechungen und tägliche Meetings, dieses Gerede und die Selbstvergessenheit machen mich krank. Ich will auch versuchen diese Woche unsere Projektorte in den Bergen zu besuchen, um den Leuten dort zu zeigen, dass wir sie nicht vergessen. Es wird eine Unterbrechung oder Verlangsamung der Arbeit geben, das ist sicher, da ich zur Zeit nicht mit dem Auto rüber komme und versuchen muß, alles auf der anderen Seite zu kaufen und einen Transport von dort aus zu organisieren. Aber das wird schon irgendwie klappen. Neben der jetzt akut nötigen Hilfe in Form von Nahrungsmitteln, medizinischer Versorgung und provisorischen Unterkünften inklusive Sicherstellung von sanitären Verhältnissen, darf man auch jetzt nicht die lang- und mittelfristige Hilfe vergessen.
20 Gesundheitseinrichtungen, inklusive des zweitgrößten Krankenhauses der Stadt sind zerstört. 15 der größten Schulen ( Primär- und Sekundärstufe ) sind dem Erdboden gleich gemacht und die kommerzielle Ader der Stadt ist ausgelöscht. Ich habe keinen Zweifel daran, dass der kommerzielle Bereich sich schnell wieder erholt. Ich zweifele auch nicht daran, dass die Menschen sich exakt wieder dort ansiedeln werden, wo sie beinahe umgekommen sind.
Ich glaube aber, es ist wichtig, an die Schulen zu denken. Ob wir da etwas tun können in einem längerfristigen Rahmen? Wir sollten auch überlegen, ob wir nicht einen Beitrag leisten können zur "Wiedervereinigung" der Stadt. Dies ist zur Zeit eines der größten Hindernisse. Zwar hat die Deutsche Welthungerhilfe gestern begonnen, einen provisorischen Übergang über das Lavafeld aufzuschütten, um so eine Passage auch für Fahrzeuge möglich zu machen, aber das ist nur ein Provisorium. Da braucht es mehr. Mich erinnert die jetzige Lage an Berlin. Auch hier sind wichtige Zentren der Stadt einfach getrennt. Der nur zum Teil zerstörte Flughafen befindet sich auf der Westseite und hat nur Zugang in Richtung Rwanda, die Lebensmittelversorgung erfolgt primär aus der Richtung Masisi, also Ost, und erreicht nicht den noch vorhandenen kommerziellen Teil der Stadt.
Ein neues Haus habe ich noch nicht gefunden, ich bin auch noch nicht sicher, wo es am günstigsten ist. Da es kein Stadtzentrum mehr gibt, wäre es vielleicht nicht schlecht auf der Seite zu suchen, von der aus man Zugang zu den Bergen hat. Ich merke, dass es für mich einfach wichtig ist, so schnell wie möglich wieder in meinen Rhythmus zurück zu finden. Ohne Aloys (unser einheimischer Freund in Gisenyi, in dessen Haus Lothar aktuell wohnen kann!) und seine vielfältigen Kontakte wäre es sicher um ein vielfaches schwieriger jetzt in der akuten Situation schnell und sinnvoll agieren zu können. Ich wäre darauf angewiesen, viel Zeit auf den Meetings zu verbringen, was er und Christiane Kayser mir im Moment abnehmen. Durch sein Institut bestehen eben auch enge Kontakte zu lokalen NGO's.
Macht euch also keine Sorgen, ich bin noch mal davon gekommen, knapp, aber doch ohne Schrammen, jedenfalls ohne sichtbare. Aber ich glaube so eine Nacht vergißt man nicht so schnell.
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