Keine Pilger in Bethlehem und Beit Sahour
Beit Sahour - das ist der Vorort von Bethlehem, der dann übergeht in Beit Jala. Beit Sahour: Der Ort der Hirten, die im Tal in Grotten oder Katakomben damals vor 2000 Jahren Wache hielten bei ihren Herden, als Jesus Christus in dem Stall geboren wurde, die Hoffnung der Menschheit.
Das alles ist in diesen Tagen der Osterwoche 2002 weit weg. Rasselnde Panzer fahren durch die Gegend. In Ramallah wird eine ganze Stadt eingeschnürt. Bethlehem an Osten 2002: Keine Kneipe ist offen, keines der 6.000 Hotelbetten der Region benutzt oder angerührt. Die berühmte Grabeskirche - gähnende Leere. Die zerspaltene Christenheit hat nicht mal die Chance, sich über die Verteilung der Gräber Christi zu streiten. Alle huschen vorbei. Angst! Heute nacht sollen die Panzer kommen, in Beit Jala sind sie schon in der Nähe der deutschen Talitha-Kumi-Schule.
Das Gebäude der Palästinenserautorität ist in Schutt und Asche bombardiert worden. Die F 16-Kampfjets kamen vor 3 Wochen und setzten nach ohrenbetäubenden Überflügen eine Rakete und dann noch drei andere ins Ziel. Das eine Gebäude der Polizei ist in den Erdboden gerammt, ein anderes Haus steht noch. Es gehörte der Preventive Security, die mit dem US-amerikanischen Geheimdienst CIA zusammenarbeitete. Dort, wir gehen in das Gebäude, "nur" Kollateralschaden.
Auf dem Hügel gegenüber steht das Wehrdorf der israelischen Siedler, davor sind die ersten Panzer aufgefahren. Jetzt ist es nur noch eine Frage von Stunden, wann sie auch in Bethlehem und in Beit Sahour auffahren. Heute vergessen wir alle Rührseligkeit der Weihnachtsgeschichte. Beit Sahour ist der Ort der Hirten, die Wache hielten auf dem Feld. Im Tal sind alle möglichen Grotten, die die Christenheit verehrt. Die katholische, orthodoxe wie die protestantische.
Die Bewohner von Bethlehem sind - wie alle in Palästina - eingeschlossen in ihren kleinen Kreis. Die israelische Armee hat wieder viele Straßen aufgerissen und das Durchkommen für alle unmöglich gemacht. Man kann nur noch mit ganz vielen Umwegen von Tel Aviv und Jerusalem hierherkommen. Jeder Verkehr mit anderen Orten auf der Westbank ist unmöglich gemacht.
Das Beit-Sahour-Medical-Centre mit dem in Hamburg ausgebildeten Dr. Majeed Nassar ist heftig an der Arbeit, auch mit Nachtdiensten. Immer bereit, wieder Patienten und auch Schußverletzte aufzunehmen . Alle Menschen bibbern, Angst geht um. Den ganzen Tag wird in den Häusern ferngesehen. Der Katar-Sender "Al Dschezirah" hat CNN längst den Rang abgelaufen. In Ramallah sind die israelischen Panzer in den innersten Zirkel eingelaufen. In dem Flüchtlingslager Dheishe in Bethlehem sind etwa - wir haben nicht gezählt - 100 italienische Friedensaktivisten eingestiegen, schlafen, leben in Privathäusern. Das macht der neuen Administration unter Ariel Scharon viel Probleme.
Wir sitzen am Ostersonntag in dem einzigen Café, wo es auch abends was zu essen gibt. Für uns acht Personen aber hat die Kneipe nur noch eine Flasche Weißwein. Plötzlich ein Anruf aus Ramallah. Was tun mit den 22 Dialysepatienten? Die brauchen ihre Nierenwäsche zwei mal die Woche und sterben, wenn jetzt nicht der Nachschub kommt an Material. Wir versprechen: Cap Anamur wird sich um das Material kümmern, damit in dem Desaster nicht auch noch die 22 Dialysepatienten elendiglich krepieren, weil die Blutwäsche nicht mehr stattfinden kann.
In Bethlehem und Beit Jala Hamsterkäufe. Wilhelm Goller, der Leiter der deutschen evangelischen Schule in Beit Jala hält mit seiner Frau aus. Vor drei Wochen wurde vor seiner Schule mit 850 Schülern die Straße am Haupteingang gesperrt. Kein Bus kann mehr vor den Eingang der Schule fahren, die Schüler müssen jetzt den gefährlichen Weg über die Felder machen. Gesperrt dadurch, daß einfach die Straße mit einem Bulldozer aufgerissen wird. Es gibt nur noch einen Weg über die Felder zu einem kleinen Tor, durch das immer nur einer hereinkommen kann, an der Hinterseite des Schulkomplexes. Immerhin war hier auch der deutsche Bundespräsident während seines Israel- Aufenthalts zu Besuch, wir sehen an der Wand die Bilder! Als die Schulmauer bei der ersten Besetzung am 7. März beschädigt wurde, so erzählt Goller, wollte er sich den Schaden ansehen. "Direkt an unserer Mauer knieten zehn Palästinenser, zwei sehr alte, gefesselt an Händen und Füßen, etliche mit verbundenen Augen, umringt von zwei Panzern und israelischen Soldaten mit dem Gewehr im Anschlag. Als ich stoppte, war ich sofort von Soldaten umringt. Ich möchte verschwinden".
Wir sehen Ostersonntag auf dem Rückweg nach Tel Aviv - 28 Panzer, die vor der Eingangsstraße nach Beit Jala warten. Offen hat Israel den Militäraufmarsch begonnen. Es gibt für die Menschen keine Politik mehr. Die Mehrzahl ist nicht einverstanden, daß einzelne Selbstmordaktivisten dauernd Blutbäder in Israel anrichten. Aber ihre Ohnmacht und ihre Angst ist zu groß, um sich dagegen noch zu wehren. Die Menschen in Beit Sahour gehen in die wenigen offenen Kaufhäuser, um Hamsterkäufe zu machen, denn wenn die Panzer kommen, wird es gefährlich.
Für die Menschen hier gibt es nur noch Angst. Alle Klischees treffen auf sie nicht zu, die wir in Deutschland haben. Sie sind Christen, keine Moslems. Wir gehen am Morgen in die Kirche. Christus ist wahrhaft auferstanden, aber der liturgische Jubel bleibt uns im Hals stecken. Der griechisch-orthodoxe Priester vergleicht in seiner Predigt, soviel wird uns auf der Kirchenbank übersetzt, den US-Sonderbotschafter Zinni mit Pontius Pilatus. "Ich wasche meine Hände in Unschuld".
Wir haben uns von Cap Anamur verpflichtet, die Versorgung der 22 Dialysepatienten zu übernehmen, brauchen aber die Hilfe des Verbindungsbüros des Auswärtigen Amtes. Das ist zwar von Ramallah nach Jerusalem evakuiert, ist aber das einzige, das mit den Autos mit Diplomatischen Kennzeichen die Bloodlines und anderes überlebenswichtiges Material nach Ramallah und nach Bethlehem bringen kann. Wenigstens die Dialysepatienten dürfen nicht sterben.
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