Morde in Bethlehem und Jerusalem

Artikelinfo
Datum: 
17.04.2002
Autor: 
Rupert Neudeck

Zwei 47jährige - im besten Alter ermordet, die eine in Jerusalem, der andere in Bethlehem

Beide Morde geschahen am Freitag, dem 12. April 2002, um 16.00 h MEZ.

Immer wieder erfahren wir von Menschen, die in den besetzten Gebieten sterben müssen, obwohl ihnen geholfen werden könnte. Das wird die Sache Israels auf Dauer verdüstern. Wie wir immer von den Selbstmordattentaten erfahren, in denen ebenfalls völlig unschuldige Menschen,die nichts getan haben, auf dem Altar eines Mordes geopfert werden wie in archaischen Zeiten.

Atallah Al Hayek wurde in Beit Sahour ermordet. Wir nennen diesen Tod einen Mord. Es war am 11. Invasionstag der israelischen Armee in der Bethlehem- Region. Heute ist es schon der 19. Tag. An diesem Tag gab es nach Aussage eines Augenzeugen eine neue Welle von Hausdurchsuchungen. Ein Lehrer der deutschen evangelischen Thalatha-Kumri-Schule beobachtete aus seinem Haus einen Trupp von 20 israelischen Soldaten, der sich begleitet von zwei Panzern und einem Militärjeep am frühen Nachmittag Wadi Abu Sa'ada näherte. Der Augenzeuge berichtete:

"Es gab plötzlich zwei MG-Salven, die 150 m von mir entfernt in Wadi Abu Sa'ada abgefeuert wurden. Wenige Minuten später rief mich mein Bruder an, daß israelische Soldaten gerade auf einen braunen Opel geschossen hätten."

Das waren die Schüsse für Atallah Michael Al Hayek. Al-Hayek war ein Anwalt in Beit Sahour. Jeder kannte ihn. Er verdiente auch gut, so daß er sich in Wadi Abu Sa'ada ein Mietshaus bauen konnte. Als die israelischen Soldaten dieses Mietshaus durchsuchen wollten, verlangten sie den Türschlüssel. Den Schlüssel hatte Atallah aber bei sich in dem alten Haus, denn das Mietshaus war noch leer. Die Nachbarn sollten den Besitzer sofort herbeiholen. Was diese auch taten.

Atallah kam mit seinem Opel zu seinem noch leeren achtstöckigen Wohngebäude. Als er sich näherte, gestikulierten israelische Soldaten, die ihn offenbar aufforderten, zu drehen und nicht näher zu kommen.

Attallah zögerte verwirrt, weil er doch von den Soldaten herbeibeordert worden war. Als er zum Wenden ansetzte, wurde er von einem auf dem Dach postierten Scharfschützen mit zwei Kugeln in den Hinterkopf getroffen. Als Nachbarn Hilfe holen wollten, wurden sie mit Warnschüssen in ihre Häuser zurückgetrieben.

Das alles geschah direkt vor der Haustür von Frau Zahra Abu Sa'ada, 74 Jahre alt. Die kranke Frau mußte sowohl diesen Tötungsvorgang, den man auch Mord nennen kann, als auch die unterlassene Hilfsleistung mit ansehen. Ihr krankes Herz konnte diesen Schock nicht verkraften - sie brach zusammen und war auf der Stelle tot. Der Angeschossene mußte fast eine Stunde in seinem Auto tot liegen, weil die israelischen Soldaten ihm jede ärztliche Hilfe verweigerten. Als sie dann seinen Transport mit dem Ambulanzwagen zur nahegelegenen Hirtenfeldklinik erlaubten, konnte nur noch sein Tod festgestellt werden.

Attallah M. Al-Hayek ist Vater von fünf Kindern (drei Jungen und zwei Mädchen) im Alter von 4 bis 19 Jahren.

An demselben Freitag, also am 12. April, geht die palästinensische Selbstmordattentäterin Andalleeb Taqataqah aus dem zwischen Bethlehem und Hebron gelegenen Dorf Beit Fajar an die Bushaltestelle am Markt Mahane Yehudah. Die 47 Jahre alte Zuhila Hushi aus Jerusalem wird mit fünf anderen Israelis in die Luft gejagt. Sie ist genauso alt wie Atallah M. Al-Hayek. Über das Attentat in Tel Aviv wird öffentlich weltweit berichtet. Der Außenminister der weltmächtigsten Regierung Colin Powell verschiebt seinen Besuch bei Arafat und ändert seine hochpolitische Mission. Der andere Mord findet unter Ausschluß der Weltöffentlichkeit statt.

Wir von Cap Anamur erfahren von diesem zweiten Attentat erst heute, am 17. April. Um auch noch dem allerletzten Vorurteil den Teppich unter den Füßen wegzuziehen. Der von dem Israelischen Snaiper erschossene Atallah war kein wütender Al-Kaida-Kämpfer oder Fundamentalist, er war Christ und wurde am gleichen Tag in Beit Sahour beerdigt wie die durch Herzattacke und vor Aufregung gestorbene 74jährige Frau Zahra Abu Sa'ada.