Ein Dank an alle ....
Zum Jahresende bedanken wir uns ganz herzlich wieder bei unseren Spenderinnen und Spendern für die enorme Unterstützung, die wir im Laufe des Jahres erfahren haben. Und diesen Dank verbinden wir mit einem kleinen Bericht über die Länder und Projekte, in denen wir gearbeitet haben, wo wir mit Ihrer Hilfe tätig sein konnten.
Wer über den Bericht des letzten Jahres hinaus an der Entstehungsgeschichte von Cap Anamur interessiert ist, wer wissen möchte, wo wir in den Jahren seit der Gründung vor allen Dingen in Katastrophengebieten, bei den Habenichtsen in den Ländern der Dritten Welt und Europas, unterwegs waren, dem sei das neue Buch von Rupert Neudeck empfohlen:
"Die Menschenretter von Cap Anamur"
In diesem Buch verarbeitet Rupert Neudeck 23 Jahre "humanitäres Abenteuer", spannende Geschichten, tiefgreifende Erlebnisse, die von Ärztinnen und Ärzten, von Krankenschwestern und Krankenpflegern, von Baumeistern und Sprengmeistern, von Technikern und Ingenieuren erfahren und beschrieben wurden.
Das Buch ist erschienen im Beck-Verlag, ISBN 3-406-48879-X
Im November 2002 - ein Rechenschaftsbericht ...
Liebe Spenderinnen und Spender,
wieder sitzen wir im Flugzeug auf dem Weg in ein Land, das uns in den letzten 12 Monaten in Atem gehalten hat: Afghanistan. Wir sind jetzt im Oktober 2002 zum wiederholten Male in den Norden dieses Landes aufgebrochen, genauer gesagt in die Provinz Takhar, um erneut eine Schule zu eröffnen, die Cap Anamur mit Ihrem Geld fertigstellen konnte. Eine Schule kostet uns dort unter Verwendung von Baumaterialien aus der Region 30.000 Euro. Diese Schule für 450 Mädchen verfügt über 14 Räume und wurde in drei Monaten gebaut. Sie liegt in dem kleinen Ort Saruk unmittelbar am Kokca-Fluß. Diese Lage ist deshalb von großem Vorteil, weil man hier nur sechs Meter tief graben muß, um an sauberes und gesundes Trinkwasser zu kommen, was hochgepumpt werden kann.
Dieser Schule wurde von den afghanischen Lehrern der Name "Rabeha Balkhi - Friedensschule" gegeben. Der Name geht zurück auf Rabeha Balkhi, eine Prinzessin, die im 9. Jahrhundert in der antiken Stadt Balkh lebte, dort wunderschöne Gedichte schrieb und sich damit einen Namen unter den großen Poeten ihrer Zeit erwarb. Rabeha verliebte sich in Baktash, einen Diener ihres Bruders Hareth. Sobald Hareth aber von dieser Liebesgeschichte erfuhr, ließ er Baktash ermorden. Voller Traurigkeit zog Rabeha in das Badehaus, öffnete dort ihre Pulsader und schrieb mit ihrem Blut ihr letztes Gedicht an die Wand.
Diese Schule war die siebte, die wir in Afghanistan fertiggestellt haben, 11 wurden bereits renoviert, an 14 weiteren wird gearbeitet. Damit erhöht sich die Zahl der Schulen, die wir renovieren oder neu bauen auf 32. Wir erleben in dieser Gegend einen Hunger nach Bildung, wie wir das auf dieser Welt gar nicht mehr für möglich gehalten hätten. Seit 1996, dem Beginn der Taliban-Diktatur, hat es keinen Unterricht mehr gegeben, weder für Erwachsene, geschweige denn für Kinder. Im Gegenteil, wir treffen auf mutwillig zerstörte Schulgebäude. Als wir vor einiger Zeit einmal in eine solche von den Taliban zerstörte Schule kommen, stehen dort einige Erwachsene, denen wir einen Wiederaufbau versprechen. Wir messen alles aus für eine gründliche Renovierung. Ein neues Dach muß her, die Wände sollen gestrichen, Estrich auf dem Boden aufgetragen werden, damit die Schüler und Schülerinnen auf Strohmatten sitzen und lernen können, Fenster und Türen müssen eingesetzt werden. Und dann kommt die sehnsüchtige Frage der Erwachsenen nach einer Art Abendschule für sie selbst, weil sie ja auch lesen und schreiben lernen wollen.
Selten, liebe Spenderinnen und Spender, haben wir trotz aller Tragödien in 20 Jahren Krieg und Zerstörung fröhlichere Kinder gesehen! Morgens auf dem Schulweg begrüßen sie uns mit den ersten kleinen Brocken Englisch: Good morning - how are you? Wir müssen es noch stärker sagen. Bei all dem Ärger, den es in anderen Teilen der Welt gibt, bürokratische Hindernisse, die die Hilfe immer mühseliger ausfallen lassen - hier im Norden Afghanistans können wir uns auf ein Volk verlassen, das nicht einen Tag gezögert hat und sofort an die Arbeit gegangen ist. Wir haben es mit einem Volk zu tun, das in seinen großen Teilen nicht klagt, sondern arbeitet. Ein Volk, das bei allem Selbstbewußtsein und Stolz dankbar ist und uns und damit vor allem Ihnen diese Dankbarkeit auch zeigt.
Wie froh waren wir, daß wir in den letzten 12 Monaten dank Ihrer großen Unterstützung einen so starken Rückenwind hatten! Wieder sind wir sorgfältig und haushälterisch mit Ihren Mitteln umgegangen, haben in Deutschland nur weniges eingekauft, was notwendig war. Alle Baumaterialien kaufen wir mittlerweile in der Region ein.
Wir haben schon im Juli ein 40-Betten-Krankenhaus mit jeweils einem funktionierenden septischen und aseptischen Operationsraum fertiggestellt, zwei von uns neu gebaute Kliniken arbeiten ebenfalls seit Monaten. Doch neben den Schulen und der medizinischen Versorgung gibt es noch zwei weitere dringende Grundbedürfnisse. Zum einen muß dringend mit der Aufforstung begonnen werden, damit das Land nicht in Sand und Staub versinkt und damit zur Wüste wird; und zum anderen wird Wasser gebraucht - gesundes Wasser für die unermüdlich arbeitenden Bauern in den über 300 Bergdörfern der Region. In 5- bis 8-Stunden-Märschen wird mit Hilfe von Eseln zur Zeit gutes Trinkwasser in Kanistern in die Dörfer geholt.
Und dann noch etwas. Wir mußten die Brücke über den Kokca, der die Bevölkerung in zwei Teile trennt, wieder herstellen, d.h. ein neues Teilstück bauen, das die einheimische Bevölkerung vor den anrückenden Taliban in einer Verzweiflungstat herausgesprengt hatte. Und dann haben wir uns gefragt, warum ausgerechnet wir diese Brücke bauen müßten, ob das nicht eine Aufgabe der großen staatlichen Hilfe oder der Weltbank ist. Die Frage ist mit einem einfachen "Ja" zu beantworten. Nachdem wir uns aber erkundigt hatten, wurde uns schlagartig klar, daß die Afghanen dann auf diese Brücke noch drei oder vier Jahre hätten warten können. Die großen Elefanten der Entwicklungshilfe sitzen alle in Kabul und dürfen sich aus Sicherheitsgründen kaum aus der Hauptstadt weg bewegen. Kurz gesagt, die Wiederherstellung der Brücke war nicht nur aus ökonomischer Sicht von äußer-ster Dringlichkeit, sondern geradezu lebensnotwendig für Minenverletzte und langsam verblutende Patienten, die unsere Klinik erreichen wollten. Denn in der Zeit der Schneeschmelze kamen unsere Autos nicht mehr durch den Fluß, so reißend war dieser geworden und somit jede Überquerung auch mit einem Floß aus Autoreifen eine lebensgefährliche Angelegenheit. Alles in allem war also diese Brücke als Lebensader für den Handel, den Verkehr, für die Kontakte der Menschen diesseits und jenseits des Flusses und die notwendige medizinische Versorgung unendlich nötig.
Wir hatten Glück, denn wir fanden in Tadschikistan einen Brückenbauingenieur, der Brücken gebaut und somit Erfahrung hatte. 37 Meter von insgesamt 60 Metern Brücke fehlten. Die Pfeiler mußten verstärkt und die Brückenkonstruktion mit den Stahlteilen vor Ort so verschweißt werden, daß die Brücke auch erdbebensicher ist. Die Wiedereröffnung hat bereits am 5. September stattgefunden. Der sparsame Umgang mit den uns anvertrauten Mitteln liefert ganz nebenbei eine kleine Sensation: Das ist der Preis von nur 110.000 Euro. Damit sollten wir eigentlich in das Guiness-Buch der Rekorde kommen.
Nord-Korea: Nach fünf Jahren haben wir die Arbeit jetzt im Herbst 2002 unterbrochen. Wir haben unter schwierigsten Bedingungen für unsere eigenen Mitarbeiter in Nordkorea 14 Krankenhäuser wieder so hergerichtet, daß sie diesen Namen auch verdienen, haben Waisenhäuser und Kindergärten in einen menschenwürdigen Zustand versetzt. Der Aktionsradius für unser kleines Team in dem weiter hermetisch abgeschlossenen Land war nach zähen Verhandlungen schon etwas größer geworden. Dennoch sind unsere Mitarbeiter nach fünf Jahren erschöpft und ausgelaugt.
Obwohl Resignation sonst nicht unser Geschäft ist, mußten wir bei einem Besuch im Juli 2002 den Behörden dort sagen: Unsere Arbeit war nicht effektiv. Hätten wir Bedingungen wie in Afghanistan gehabt, hätten wir in 12 Monaten das erreichen können, was jetzt in mühevoller Arbeit in 5 Jahren gelungen ist.
Unsere Arbeit geht vorläufig in diesem Herbst 2002 zu Ende, wir sind aber bereit, unter veränderten Bedingungen in dieses Land zurückzukehren, dessen Bevölkerung unsere Hilfe bitter nötig hat. Wir haben den Regierungsvertretern in Pyöngyang einen 18-Punkte-Plan vorgelegt, der auch heftig diskutiert wurde, weil man um die Wirksamkeit von Cap Anamur wußte. Wir haben vorgeschlagen, ein Team von fünf Medizinern zu entsenden, die dann in einer ganzen Provinz die medizinischen Einrichtungen erneuern sollten - angefangen von den medizinischen Anlaufstellen in den Dörfern über die kleinen Dorfambulanzen bis hin zu den Krankenhäusern auf Distriktebene. Dazu wäre es allerdings erforderlich, sich ohne die bisherige Gängelei frei bewegen zu dürfen und sowohl Kontakt zur lokalen Bevölkerung wie auch den Patienten zu haben. Dazu gehörte auch die Möglichkeit, unsere eigenen Fahrzeuge außerhalb Pyöngyangs selbst steuern zu dürfen, Besuche nach Erfordernissen spontan zu unternehmen - ohne Rücksicht auf die Auswahl von Geheimdienstmitarbeitern nehmen zu müssen.
Auf diese Bedingungen hat man sich mit dem Ton des Bedauerns (noch?) nicht eingelassen, obwohl wir einen außerordentlich guten Ruf genießen. Denn Cap Anamur hat auch angeregt, daß von Deutschland 28.000 Tonnen gefrorenes und getestetes Rindfleisch, aus zur Vernichtung freigegebenen Lagerbeständen, geliefert wurden.
Nuba-Berge / Zentralsudan: Den Menschen unter den schwierigen Verhältnissen treu bleiben! Eine positive Wendung in einem Land, das unter jahrzehntelangem Bürgerkrieg leidet, ist der Waffenstillstand aus diesem Jahr, der im Juli 2002 für weitere 6 Monate verlängert wurde. Die Lage ist somit auch für unsere Mitarbeiter vor Ort etwas besser geworden, und die Entwicklung ist sehr erfreulich. Man kann jetzt fliegen, ohne bei der Landung aus dem Flugzeug zu springen. Das Flugzeug muß nicht mehr in einer affenartigen Geschwindigkeit entladen werden, weil man Granateneinschläge und Artilleriebeschuß fürchtet. Auch hat es in diesem Jahr noch keine Bombenangriffe auf die Zivilbevölkerung gegeben. Wir hoffen, daß dieser wackelige Waffenstillstand und damit die Hoffnung auf Frieden nicht am Jahresende wie eine Seifenblase zerplatzt. Hilfreich ist hier sicherlich eine seit neuestem installierte internationale Beobachtergruppe unter einem norwegischen General.
Deshalb arbeiten wir in dem einfachen, aber dennoch unendlich notwendigen Buschhospital weiter. Unser Team versorgt hier und in den 7 Gesundheitsposten, die von uns etabliert wurden, 600 Patienten pro Tag. Wir hoffen mit allen Fasern unseres Herzens, daß es bald für die gequälten und gebeutelten Schwarzafrikaner im Süden des Sudan einen dauerhaften Frieden gibt. Dann könnten diese Nuba-Berge der schönste Platz für ein Friedenszentrum von Christen und Muslimen werden, wo sich die ganze Welt treffen kann. Denn die Muslime (ca. 40 %) und die Christen (auch 40 %) verstehen sich in den Nuba-Bergen so gut, daß jede große Versammlung in den Bergen mit einem christlichen Gebet des ansässigen Pfarrers und einer vom Imam Tutu gesungenen Sure eingeleitet wird.
Kivu / Kongo: Afrika blieb dem Komitee auch im Kongo und in Ruanda erhalten. Dafür sorgten die große Anzahl von Flüchtlingen und zusätzlich der Vulkanausbruch in diesem Jahr. Wir hatten begonnen, die spontane Rückkehr von insgesamt ca. 14.000 Flüchtlingen aus Ruanda in drei verschiedene Orte des Kivu, die nordöstliche Provinz des Kongo (früher Zaire), zu unterstützen. Alle anderen meinten, die Flüchtlinge dürften wegen der latenten Bürgerkriegslage noch nicht zurück in die Landschaft um den Kivu-See. Aber die Menschen ließen sich nicht aufhalten, wollten als Flüchtlinge nicht mehr abhängig sein. In Mushaki bauten sie sich neue Hütten hoch oben im Waldgebiet und waren froh, daß sie jetzt ihren Boden wieder selbst bestellen konnten. Wir errichteten eine Ambulanz und brachten regelmäßig Medikamente für den einheimischen Krankenpfleger, der dort oben Dienst tut.
Ähnlich verlief die Aktion in den anderen beiden Orten. In Kililorwe mitten im tiefsten und schönsten Regenwald hatten sich ebenfalls über 3.000 Menschen niedergelassen. Da ihnen aber der Boden dort nicht gehörte, zogen sie weiter nach Burunga. Dort haben wir diesen Menschen, die von Herkunft Tutsis sind, einen neuen Wohnplatz gegeben. Fast gleichzeitig wurde eine Ambulanz in einem soliden Bau errichtet, die für die ganze Gegend einen medizinischen Fortschritt darstellt. Wir hoffen, daß diese immer wieder vertriebenen Menschen ihre Dörfer nie wieder verlassen müssen.
Auf der anderen Seite der Grenze in Ruanda, in der Stadt Gisenyi, haben wir eine Oberschule gebaut, die hier für die Bewohner der Stadt und deren Umgebung mit vielen Dörfern und unendlich vielen Kindern ganz notwendig war.
Nairobi / Kenya: Shangilia - Freue Dich, Kind Afrikas. Seit vielen Jahren kümmern wir uns um Shangilia, ein einfaches und vorbildliches Straßenkinderheim in Kangemi, einem Vorort Nairobis. Wir waren fasziniert von der in Kenya bekannten Schauspielerin Anne Wanjugu, die ihren Job an den Nagel hängte und sich um diese Kinder kümmerte. Sie gab den Kindern ein Zuhause, sorgte für erträgliche Lebensbedingungen, für Nahrung und Bildung, lehrte sie Theater zu spielen und damit ihren eigenen Wert zu erkennen. Anne Wanjugu war in ihrer Arbeit so erfolgreich, daß sie zu Tourneen mit ihren Kindern auch nach Deutschland eingeladen wurde.
Die Nachricht von ihrem plötzlichen Tod hat uns tief erschüttert, weil wir uns die bange Frage stellten, ob es ein Weiterbestehen nach Anne Wanjugu geben könne. Eine beherzte junge Frau, die Kenyanerin Suzanne Njeri Kuria, hat sich glücklicherweise dieser Aufgabe gestellt und die Leitung übernommen. Wir sind froh, feststellen zu können, daß es gut steht um das Projekt. Leider hat die kenyanische Regierung immer noch kein Gesetz verabschiedet, nach dem solche Initiativen prämiert und von der Bezahlung des Schulgeldes für die Kinder entlastet werden.
Inguschetien und Tschetschenien: Unser Waisenhaus mit 60 Waisenkindern in Inguschetien an der Grenze zu Tschetschenien wird weiter von Cap Anamur versorgt und betreut. Ob wir in Tschetschenien ein Wiederaufbauprogramm für ganze Dörfer und Kliniken machen können, wird von Gesprächen abhängen, die wir demnächst in Moskau und in Grozny mit den Verantwortlichen führen müssen.
Wir wollen weiter unabhängig sein. Das ist das schönste Pfand, mit dem wir in der Welt wuchern können. Unabhängigkeit von den Geldern der verschiedenen Regierungen, die Sie uns mit Ihren Spenden verschaffen.
Unser Mitgründer, der Schriftsteller und Nobelpreisträger Heinrich Böll hat uns wie ein Testament die Sätze vermacht:
"Es ist schön, ein hungerndes Kind zu sättigen, ihm die Tränen zu trocknen, Es ist schön, einen Kranken zu heilen. Über die Schönheit der Künste, eines Menschen, der Natur, können wir uns halbwegs einigen. Aber - Recht und Gerechtigkeit sind auch schön. Und sie haben ihre Poesie, wenn sie vollzogen werden."
Schenken Sie Cap Anamur weiterhin Ihr Vertrauen und geben Sie uns die Möglichkeit, Menschen in existentieller Not zu helfen - zu Land, zu Wasser oder in der Luft ...! Wir danken Ihnen sehr herzlich, ohne Sie könnten wir nichts tun!
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