"Cap Anamur" rettet Schiffbrüchige vor Lampedusa
Erst war nur ein kleiner, gelber Strich am Horizont zu sehen. Dann erkannten wir ein Schlauchboot und schließlich Menschen, die verzweifelt winkten: Mitten auf der offenen See, irgendwo zwischen Libyen und der italienischen Insel Lampedusa, trieb das völlig überfüllte Boot mit Motorschaden hilflos auf den Wellen. Das Festland war 90 Kilometer entfernt, die Trinkwasser-Vorräte bereits aufgebraucht.
Nachdem die verzweifelten Passagiere mit einem roten Stoff-Fetzen auf ihre Notlage aufmerksam gemacht hatten, wurden sie um 18.45 Uhr an Bord genommen und zunächst medizinisch versorgt. Die 37 Schwarzafrikaner - ausschließlich Männer - sind zwar erschöpft, befinden sich aber in vergleichsweise guter körperlicher Verfassung.
Im Laderaum unseres Schiffes wurde aus Decken und Iso-Matten ein provisorisches Schlafquartier eingerichtet. Die Bordküche hatte die Flüchtlinge zuvor mit einer warmen Mahlzeit versorgt.
Zur Zeit versuchen wir herauszufinden, woher die Geretteten stammen und unter welchen Bedingungen sie die Reise angetreten haben. Das ist schwierig, weil nur einige ein paar Brocken Englisch sprechen. Soweit wir bisher verstanden haben, hatte sich die Gruppe nach einer längeren Odysee quer durch den Kontinent einfach ein Boot gekauft und war auf eigene Faust in See gestochen.
Ihr Ziel war ganz offensichtlich die nördlich gelegene Insel Lampedusa, neben Malta der südlichste Punkt Europas im Mittelmeer. Dort hat die Küstenwache gestern und heute weitere 350 Flüchtlinge auf zwei Holzbooten entdeckt und in ein Aufnahmelager gebracht. Allein im Juni vergangenen Jahres waren dort nach offiziellen Angaben rund 3000 "boat people" gelandet, weitere 200 konnten nur noch tot geborgen werden.
Unsere "Cap Anamur" muß nach einem Werftaufenthalt derzeit einige Testfahrten im Mittelmeer absolvieren. Wir haben nach der gestrigen Rettungsaktion beschlossen, vorerst in der Gegend zu bleiben und die Augen weiter offen halten.
Sehen Sie hierzu auch unser Video-Tagebuch vom 20.06.2004.
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