Aufruf an die europäische Zivilgesellschaft

Artikelinfo
Datum: 
04.07.2004
Autor: 
Elias Bierdel

"Seit Donnerstagmorgen driftet unser Schiff 15 Meilen vor dem sizilianischen Hafen Empedocle. Wir bestehen darauf, in den Hafen einzulaufen - so wie es ursprünglich geplant und auch genehmigt war. Bislang haben uns die Behörden nicht mitgeteilt, warum die ursprünglich erteilte Genehmigung widerrufen worden ist.

Die Konfrontation durch verschiedene bewaffnete Kräfte des italienischen Staates ist grotesk und offenbar dazu bestimmt, unsere Crew und die Passagiere an Bord in Angst und Schrecken zu versetzen. Wir protestieren gegen diese Art der Behandlung.

Die Schiffbrüchigen, die wir retten konnten, sind keine `clandestini`- denn sie haben die Grenzen nach Europa noch nicht überschritten. Wir haben vielmehr ordnungsgemäss - und in Übereinstimmung mit internationalen Rechtsvorschriften, sowie der allgemein üblichen Praxis - rechtzeitig eine Liste mit allen Menschen an Bord übermittelt. Dies kann keinesfalls als `Versuch der illegalen Einreise` intepretiert werden.

Wir haben nicht die Absicht, die italienische Regierung zu konfrontieren oder Druck auf irgendjemanden auszuüben. Wir verlangen lediglich das Recht zur Einfahrt in den Hafen Empedocle, da die Situation an Bord immer schwieriger wird. Wir stellen fest, dass jene, die uns daran hindern Schiffbrüchige in einen sicheren Hafen zu bringen, die volle Verantwortung für die Konsequenzen zu tragen haben.

Wir werden uns nicht in einen anderen Hafen umleiten lassen. Wir haben 37 Schiffbrüchige an Bord und sind deshalb nicht der Lage, uns auf irgendwelche Spielchen mit den Behörden einzulassen.

Es muss eine Lösung in Übereinstimmung mit internationalen Menschenrechtsstandards und auf der Basis humanitärer Prinzipien gefunden werden.  Die Frage, wie in einer derartige Situation zu verfahren ist, muss auf politischer Ebene der europäischen Union beantwortet werden: Es ist die Politik der EU, gewaltsam ausgeführt durch italienische Küstenwache, Marine und `Guardia di Finanza`, die unser Schiff daran hindert, weiteren Menschen in Not zu helfen.

Wir appellieren an alle Europäer - und vor allem an die Bürgerinnen und Bürger Italiens - deutlich zu machen, dass eine solche Politik nicht in ihrem Namen vollstreckt wird.

Wir werden weiterhin soviele Menschenleben retten, wie wir nur eben können. Wir tun dies, weil wir den Tod von hunderten, vielleicht tausenden unschuldigen Menschen im Mittelmeer nicht als europäischen `Normalfall` hinnehmen wollen.

Wir wünschten, die mächtigen Flotten Italiens, der NATO und anderer würden sich um jene kümmern, die - namenlos und ungezählt - schlichterdings irgendwo zwischen den Wellen `verschwinden`. Da die Behörden und Militärs dazu nicht in der Lage sind - oder keine entsprechenden Befehle erhalten - ist die Zivilgesellschaft aufgerufen, die Dinge in die Hand zu nehmen.

Als unabhängige humanitäre Organisation müssen wir unsere Rettungsoperationen schon deshalb fortsetzen, weil es eben niemand sonst tut. Wir brauchen dazu die Unterstützung aller Menschen guten Willens, unabhängig von ihren politischen oder religiösen Überzeugungen."

Elias Bierdel - Vorsitzender Komitee Cap Anamur