Cap Anamur und die Grünhelme trauern um ihren Gründer und Freund Rupert Neudeck

Artikelinfo
Datum: 
31.05.2016
Autor: 
Office Cap Anamur

Rupert Neudeck

Bis zuletzt war er nicht nur ein vielgefragter Interviewpartner, sondern hat gesellschaftspolitische Debatten angestoßen und als moralische Instanz maßgeblich die öffentliche Meinung geprägt. Heute ist Rupert Neudeck im Alter von 77 Jahren verstorben. Cap Anamur und die Grünhelme trauern um ihren Gründer, ihr humanitäres Vorbild, ihren Wegbereiter und stetigen Begleiter, um ihren Freund. Unsere Gedanken und Anteilnahme gelten seiner Frau Christel und ihren gemeinsamen Kindern, Enkeln und Angehörigen in dieser schweren Stunde.

Das Thema Flucht hat sein Leben bestimmt. Selbst als Kind aus Danzig geflohen, kannte er die Situation der Menschen, die ihre Heimat wegen Krieg und Vertreibung verlassen müssen. So gründete er 1979 gemeinsam mit seiner Frau Christel den bis heute aktiven Verein Cap Anamur, charterte ein Frachtschiff und rettete über 10.000 vietnamesische Flüchtlinge aus dem südchinesischen Meer vor dem sicheren Tod. Rupert Neudeck hat nie damit aufgehört, sich um unschuldig in Not geratene Menschen weltweit zu kümmern. Von einem kleinen Komitee zur Rettung von Flüchtlingen ist Cap Anamur mit ihm zu einer weltweit agierenden Hilfsorganisation gewachsen, die bereits in über 60 Ländern Menschen in Notsituationen unterstützt hat. Nachdem Christel und Rupert Neudeck Cap Anamur erfolgreich übergeben hatten und sich eigentlich zur Ruhe setzten wollten, stellten Sie schnell fest, dass für sie ein „tatenloses“ Zusehen nicht in Frage kam. So gründeten sie die Grünhelme als Zeichen gegen das zunehmende Misstrauen zwischen den Religion nach dem Vorbild der „Peace-corps“. Seit dem haben die Grünhelme in ca. 20 Ländern Krankenhäuser, Schulen und Wohngebäude errichtet. Ob der Konflikt im Sudan, der Krieg in Syrien und im Irak, das Schicksal der Palästinenser oder die unerträgliche Situation der Menschen auf den europäischen Flüchtlingsrouten: Bis zuletzt hat er die weltpolitische Lage kommentiert und sich für die Schwächsten der Gesellschaft engagiert – unkonventionell, kreativ und immer mutig.

 

Bernd Göken, Cap-Anamur-Geschäftsführer und langjähriger Freund von Rupert Neudeck:

 

Radikale Humanität! Humanitäre Radikalität!

 

Ich erinnere mich an unsere gemeinsame Reise in die sudanesischen Nuba-Berge. Im beschwerlichen Fußmarsch haben wir die karge Region durchquert. An Ruperts Füßen bildeten sich riesige Blasen, doch das Ziel vor Augen ließ er sich nicht aufhalten und marschierte weiter durch die glühende Hitze. Bei einem weiteren Besuch vor rund 20 Jahren wurde er von den Politikern Heiner Geißler und Norbert Blüm in dieses Gebiet begleitet. Zehntausende Menschen, die vor dem kriegerischen Konflikt in die Nuba-Berge geflüchtet sind, haben Rupert und seine beiden Begleiter in dem kleinen Ort Lwere empfangen. Sein Besuch hat den Menschen Hoffnung gegeben, Hoffnung in einer bis dahin ausweglosen Lage. Rupert Neudeck hat inmitten der Nuba-Berge ein Krankenhaus errichtet und die medizinische Versorgung der Geflüchteten gesichert. Kein Kind musste mehr an Malaria sterben, keine behandelbare Erkrankung unversorgt bleiben. Noch heute ist dieses Krankenhaus in Betrieb und behandelt monatlich über 20.000 Patienten. Das zeichnete Rupert aus: Egal, wie unwegsam das Gelände, wie gefährlich die Region oder wie komplex die politische Lage – Er hat die bedürftigen Menschen mit einer unfassbaren Energie unterstützt und ihnen Zugang zu medizinischer Versorgung verschafft, am Wiederaufbau mitgearbeitet und immer ein offenes Ohr für die Lage der Menschen gehabt.

 

Unsere letzte gemeinsame Reise führte uns ins syrische Aleppo. Angesichts des Leids in dieser bereits weitgehend zerstörten Stadt und den angrenzenden Gebieten habe ich zum ersten Mal eine Art Verzweiflung bei Rupert erkannt. Gerade bei ihm, der stets etwas Positives gesehen hat, uns immer zu mehr Mut, zu mehr Einsatz angetrieben hat für die „Habenichtse“, wie er die Menschen in Not so oft nannte. Dann, im Gespräch mit einem völlig erschöpften syrischen Arzt blitze in Ruperts wachen Augen wieder die Zuversicht. Sofort hat er Pläne geschmiedet, wie in diesem Chaos des Krieges doch noch etwas erreicht werden kann. Allein seine Augen konnten so viel Hoffnung geben. Mich haben sie immer fasziniert und angetrieben, Lösungen für die Probleme zu finden, vor die wir gestellt waren. Er war Vorbild, Inspiration, mein humanitärer Vater. Er war bis zuletzt im Einsatz für die Bedürftigen. In seiner Hilfe war er radikal, ein Aufgeben kam für ihn nie in Frage, denn irgendwo gab es immer einen Weg.

 

1979 interviewte Rupert Neudeck den französischen Philosophen Jean-Paul Sartre. Auf die Frage, was er der jungen Generation mit auf den Lebensweg geben möchte, antwortete Sartre folgendermaßen: „Wir müssen eine wertvolle Gesellschaft wiederfinden, in der man für die anderen und für sich leben kann. Man kann zu dieser wertvollen, menschlichen Gesellschaft nur in der Aktion kommen, in der Aktion eines jeden, einer moralischen Aktion übrigens, denn die Aktivität für den andern ist immer eine moralische Tat.“ Rupert hat sein Leben dieser moralischen Aktion für den anderen verschrieben. Er wird fehlen, ein ganz Großer der humanitären Hilfe hat uns verlassen. Seinen Kampf für eine bessere Welt werden wir alle bei Cap Anamur fortsetzen.

 

Dr. Werner Strahl, Cap-Anamur-Vorsitzender, im Namen unseres Vorstands:

 

"Die wahre Großzügigkeit der Zukunft gegenüber besteht darin, in der Gegenwart alles zu geben." (Albert Camus)

 

Der kleine, drahtige und hellwache Dr. Neudeck, der uns mit seiner so herzlichen Frau Christel 1980 spät abends in seinem Troisdorfer Reihenhaus empfing, faszinierte uns sofort. Wollten doch nur mal nachfragen, ob wir jungen Ärzte etwas zum „Schiff“ beitragen könnten - und 10 Tage später waren wir schon im Flüchtlingslager Dam Camp in Somalia, wo Neudecks Notärzte an Land gegangen waren.

Mit mir altem Arzt im Ruhestand reiste mein immer noch umtriebiger Freund Rupert noch vor einem Jahr in das Kriegsgebiet der Ostukraine, um, wie immer seit 37 Jahren, verzweifelten Menschen humanitäre Hilfe zu organisieren. Viele Jahre betrieben Neudecks die weltweite Cap Anamur-Arbeit von ihrem Küchentisch aus. Naturkatastrophen, Kriege und politische Konflikte auch im Inland waren durchzuhalten. Nicht abgeklärte Weisheit unter dem Kölner Motto: „et hätt noch emmer joot jejange“ war seine Devise, sondern das Kästner Zitat: „ Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“. Und so war er unermüdlich mit radikaler Humanität unterwegs, klug handelnd, weit blickend und unserer Gesellschaft den Spiegel vorhaltend. Er hat viele begeistert.

 Als er uns 2003 die Führung von Cap Anamur übergab gründete er rasch die „Grünhelme“ als multikulturelle und partnerschaftliche Hilfsorganisation und blieb uns mit Rat und Tat freundschaftlich verbunden.

 Ich verlor heute einen Freund, der mir Vorbild und steter Antrieb bleiben wird, der mich fordert, nicht feige zu sein und der, solange ich ihn kennen durfte, alles gab.

Seiner Christel, seinen Kindern und Enkeln gilt unser Dank, dass sie ihm die Kraft gaben und unsere Verbundenheit in gemeinsamer Trauer.