Sierra Leone

Von Horst Brönner

Ich versuche mich von dem Anblick frei zu machen, dass Patienten aus Platzmangel auf dem Boden liegen oder außerhalb des Gebäudes unter Vordächern und versuche eine Art von nüchterner Bestandsaufnahme, die die Basis für meine zukünftige Arbeit sein soll.

Die alten, vom Krieg nicht zerstörten Unterkünfte werden noch vom Krankenhauspersonal bzw. deren Familien benutzt – teilweise auch von Menschen besetzt, die einfach keine Bleibe mehr haben. Und wenn man von nicht zerstörten Unterkünften spricht, heißt das trotzdem, daß die Fenster zerschlagen und Dächer undicht sind, Treppen zerfallen und alle Holzkonstruktionen von Termiten befallen sind.

Die eigentlichen Behandlungsräume und Untersuchungsräume  werden ebenfalls als Krankenzimmer benutzt. Dicht an dicht stehen inmitten von veralteten Untersuchungsanlagen die Krankenbetten – eine deprimierender Anblick und keinesfalls ein Platz, um gesund zu werden.

Das Dach ist undicht, die Wände sind feucht, die Toiletten funktionieren schon lange nicht mehr, und zu allem Überfluß haben sich in der Dunkelkammer der Röntgenabteilung Fledermäuse eingenistet. Das Wasch- und Küchenhaus ist ebenfalls in einem miserablen Zustand und kann nicht mehr benutzt werden – gekocht wird auf einem Lagerfeuer in einer Strohhütte vor dem Haus, gewaschen wird in einem Betontrog.

Die Wasserversorgung, die diesen Namen kaum verdient, ist weniger als Flickwerk, bestehend aus nicht gewarteten Regenwasserbehältern und Brunnen, aus denen das Wasser dann in Eimer geschöpft und verteilt wird. Ein Hochtank wird zwar von einem nahen Wasserwerk versorgt, doch wenn dieser gefüllt ist, wird das Wasser ins marode Rohrleitungssystem der weitgehend zerstörten Stadt Magburaka geleitet, wo es aus offen stehenden Rohrenden läuft oder einfach im Straßengraben versickert.

Mittlerweile haben wir das Leichenhaus, die Zahn- und Röntgenabteilung so weit renoviert, dass Klempner, Maler und Fliesenleger die Gebäude fertigstellen können.

In den 21 Personalunterkünften sind die Arbeiten voll im Gange, Dächer werden erneuert, Fundamente verstärkt, Abwassergruben ausgehoben, elektrische Leitungen installiert und Wasserleitungen verlegt.

Die Angestellten des Krankenhauses freuen sich riesig auf die sanierten Gebäude und darauf, endlich für die Kranken ein menschenwürdiges Dasein zu haben.

„Tanto cru“ sagen sie in der Sprache der Temne, was so viel heißt wie „Gott sei Dank“.

Meine Unterkunft teile ich mit unserem Ortskundigen, Mohamed S. Kamara, einem quirligen Diplomaten in allen Arbeits- und Lebenslagen. Tagsüber kümmert sich unser guter Geist David um Haus und Auto und erledigt nebenbei kleinere Dienste. Für das leibliche Wohl sorgt Fatmata, die hier auf dem Krankenhausgelände einen kleinen Laden vor ihrer Hütte betreibt. Hier wird dann gemeinsam aus einem großen Teller mit den Fingern gegessen – ich gestehe, daß ich immer noch einen Löffel bevorzuge.