Der lange Weg nach Mogadischu

Artikelinfo
Datum: 
06.11.2011
Autor: 
Office Cap Anamur

Der lange Weg nach Mogadischu

Anarchie, Gewalt und Korruption – seit mehr als zwei Jahrzehnten tobt der Bürgerkrieg in Somalia. Hinzu kommt die Hungersnot. Die Menschen leiden unter der schlimmsten Dürre der vergangenen 60 Jahre. Unser Team ist im August nach Mogadischu aufgebrochen. Die Hauptstadt Somalias gilt als einer der gefährlichsten Orte weltweit. Nur wenige ausländische Helfer wagen sich hierher. Es gibt keine staatlichen Strukturen. Die Übergangsregierung ist de facto machtlos und das Land wird von untereinander verfeindeten Clans geführt. Auf den Straßen sieht man zu viele schwer bewaffnete Männer. „Die Stadt ist nicht sicher und dennoch machen sich Tausende von Menschen auf den Weg, um hier etwas Essbares zu finden und um medizinisch versorgt zu werden. Sie hoffen auf Unterstützung von den vermeintlich Regierenden und von den Reichen dieser Welt“, schildert Volker Rath seine Eindrücke. Der Cap-Anamur-Logistiker hat dieses Hilfsprojekt mit aufgebaut. 

Wie viele der somalischen Flüchtlinge auf ihrem beschwerlichen Marsch nach Mogadischu sterben, ist unbekannt. Die meisten wandern im Schutze der Nacht - stundenlang, tagelang, wochenlang. Endlich angekommen, finden sie die Zugänge zur Hauptstadt versperrt von Rebellen. Diejenigen, die trotzdem durchkommen, werden in eines der beengten, provisorischen Flüchtlingslager gebracht. Während seiner Evaluierungsreise sprach Rath mit vielen Flüchtlingen. Er erinnert sich an die Mutter, die sich mit ihren fünf Kindern auf den langen Weg nach Mogadischu gemacht hat. Angekommen ist sie nur mit zweien von ihnen. Die anderen waren unterwegs gestorben.

Seit Anfang August engagiert sich Cap Anamur im Benadir-Hospital in der fast vollkommen zerstörten Hauptstadt. Wir arbeiten auf den vier Kinderstationen des Hauses. Zum Glück haben sich sofort mehrere krisenerfahrene Mitarbeiter gemeldet, die ihre Reise gleich antreten konnten. Innerhalb weniger Tage haben wir den Transport mit medizinischer Ausstattung aus dem Nachbarland Kenia organisiert. Die 34-jährige Krankenpflegerin Yasmin Hiller ist trotz ihrer Erfahrungen aus Angola und Liberia von der Situation im Krankenhaus erschüttert, denn der Kampf um das Leben der kleinen Patienten geht längst nicht immer gut aus. „Ich habe so viele tote Kinder gesehen, das reicht für mehrere Leben“, sagt sie. „Die Kinder sind unterernährt, dehydriert, ihr Immunsystem ist angeschlagen. Kommt dann noch eine Malaria oder Masern hinzu, ist das einfach zu viel.“

Täglich kommen rund einhundert Neuaufnahmen, deren Behandlung meist keinen Aufschub duldet. Die 220 Betten der Pädiatrie reichen bei Weitem nicht aus, obwohl sich je zwei Kinder ein Bett teilen. „Wegen des Platzmangels versuchen wir, die weniger schweren Fälle ambulant zu behandeln“, sagt Cap-Anamur-Arzt Dr. Markus Hohlweck. „Zudem können wir rund 50 Patienten in unseren Medizin-Zelten unterbringen.“ Mit der Unterstützung unserer Spender haben wir eine Intensivabteilung eingerichtet. Hier können zumindest einige der besonders kritischen Fälle rund um die Uhr überwacht werden. Der hohe Verbrauch an Antibiotika, Infusionen und anderen Materialien verlangte bereits weitere Transporte aus Nairobi.

Die größte Belastung für unsere Mitarbeiter liegt in der kaum zu bewältigenden Anzahl an Patienten. Unser Team arbeitet bis zur Erschöpfung. Die Helfer leben aus Sicherheitsgründen auf dem Krankenhausgelände und sind daher rund um die Uhr ansprechbar. „Das Gelände wird von einem Sicherheitsdienst überwacht, doch Garantien gibt es nicht“, sagt Volker Rath. „Mit großem Respekt nehmen wir Notiz von den immer wieder aufflackernden Kampfhandlungen in der Umgebung, die unsere Bewegungsfreiheit innerhalb Mogadischus minimieren. Der Anschlag Anfang Oktober mit über 100 Toten hat uns schockiert. Gleichzeitig unterstreicht er jedoch auch die Wichtigkeit dieser Mission: Wir wollen den Bedürftigen zeigen, dass es Menschen gibt, die unbürokratisch und vor Ort Hilfe leisten.“

Somalia – ein gescheiterter Staat

Seit dem Sturz der autoritären Regierung 1991 herrscht Bürgerkrieg in Somalia. Die international anerkannte Übergangsregierung kontrolliert nur einen kleinen Teil des zerfallenen Landes, eine funktionierende Zentralregierung gibt es nicht. Stattdessen befindet sich der Staat in der Hand von Kriegsherren, lokalen Clans und radikal-islamischen Gruppen, die den Hunger der Bevölkerung als Machtinstrument nutzen.

Die Möglichkeiten für ausländische humanitäre Hilfe werden aufgrund der erneuten intensiven Kämpfe immer schlechter. Das Land droht noch tiefer in einer humanitären Dauernotlage zu versinken. Cap Anamur engagierte sich in Somalia bereits in zwei Einsätzen von 1980 bis 1994 und von 1999 bis 2001.