Kampf um Freiheit
Seit über einem halben Jahr wird in der Region zwischen dem Sudan und dem nun unabhängigen Südsudan gekämpft und der Krieg in den Nuba-Bergen wird immer heftiger. Im Dezember musste unser Team aus Sicherheitsgründen zwischenzeitlich ausfliegen; für mehrere Wochen waren der Luft- und Landweg versperrt. Nun konnten Krankenpfleger Raphael Veicht und Techniker Thorsten Voigt endlich mit den dringend benötigten Medikamenten und anderen Hilfsgütern zurückkehren. Die letzte Etappe mit dem Geländewagen bis zu unserem Krankenhaus dauert rund zehn Stunden, denn es gibt keine Straßen und kaum befestigte Wege. Auf der Strecke musste das Team etliche Schlagbäume passieren. „Nur weil Cap Anamur hier von allen Seiten akzeptiert wird, sind wir durch die zahlreichen Kontrollen gekommen“, erzählt Raphael Veicht. „Sie schätzen, dass Cap Anamur als eine der wenigen ausländischen Organisationen seit mittlerweile 15 Jahren die Menschen in den Nuba-Bergen unterstützt.“

Und nie war die Hilfe für die Nuba dringender als jetzt. Ihr Volk zählt etwa 400.000 Menschen; es ist die größte nicht-arabische Gruppe im nördlichen Teil des Sudan. Sie leben in der Grenzregion zwischen Nord und Süd, im Bundesstaat Südkordofan. Geografisch gesehen und laut Friedensvertrag gehört das Gebiet zum Norden, doch viele der dort lebenden Menschen fühlen sich dem Süden zugehörig. So auch das Nuba-Volk, das sich nicht mehr wünscht, als selbstbestimmt und in Frieden leben zu können. Doch davon ist es heute weiter entfernt als je zuvor. Das gesamte Gebiet ist Kriegsland und die Kämpfe zwischen den nordsudanesischen Truppen und den südsudanesischen Rebellen werden immer heftiger.
Nahezu alle Menschen mussten ihr Zuhause verlassen. So etwas wie „normales Leben“ sucht man hier vergebens: Die Schulen sind längst geschlossen, es finden keine Märkte statt und die meisten Dörfer sind menschenleer, vollkommen zerstört oder komplett niedergebrannt. Etliche Familien haben Zuflucht gesucht in den engen und überfüllten Flüchtlingslagern, allein 30.000 wurden in Jida gezählt. Diejenigen, die bleiben, verstecken sich in den dunklen Berghöhlen. Tag für Tag müssen sie die über sich kreisenden Militärflugzeuge ertragen, das Dröhnen, die Bombeneinschläge. Viele sind durch die Gräueltaten des Krieges schwer traumatisiert. Sie leben in Angst und Schrecken, sind permanent in Alarmbereitschaft. Das Leben wird ihnen von den Angriffen diktiert. Immer wieder müssen die Menschen losrennen und in einem der ausgehobenen Erdlöcher Schutz zu suchen. Viele der Angriffe sind nicht auf ein spezielles Ziel gerichtet. Dennoch zeigen sie die gewünschte Wirkung: Sie treiben die Menschen in den Wahnsinn, machen sie mürbe und zwingen sie zu fliehen und damit den Kampf gegen ihre Unterdrückung aufzugeben. Sie haben den Soldaten aus dem Norden ohnehin wenig entgegenzusetzen.

In dem Cap-Anamur-Krankenhaus in Lwere setzten Raphael Veicht und Thorsten Voigt alles daran, so vielen Menschen wie möglich zu helfen. Einige von ihnen haben mehrere Tage Fußmarsch hinter sich, wenn sie dort ankommen. Der Münchener Intensiv- und Anästhesiepfleger kümmert sich um entkräftete und unterernährte Kinder und versorgt von Granatsplittern verletzte Patienten. Dabei erfüllen die beiden eine wichtige Funktion: Sie geben den Menschen Hoffnung. Allein durch ihre Anwesenheit – sicher der größte Lohn für ihre schwere Arbeit. In der kommenden Wochen wird der Chirurg Dr. Eckhart Winkler in die Nuba-Berge und das Team unterstützen.

„Der vereinbarte Waffenstillstand und Frieden haben nichts verändert, beides existiert nur auf dem Papier“, sagt Bernd Göken, der selbst zwei Jahre in dieser Region gearbeitet hat. „Genau wie während der letzten großen Offensiven im Mai 2001 fliehen die Menschen, die Dörfer sind ausgestorben, überall hängt der Geruch von Tod und Gewalt. All das schien vorbei - doch nun, mehr als zehn Jahre später, erleben wir die gleiche Spirale der Gewalt. Und mittendrin die Menschen, die kaum mehr als einen Funken Hoffnung besitzen. Wie viele hunderte Menschen bereits getötet wurden, ist unklar. Wir bedauern sehr, dass die Not dieser Menschen von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird, dass nur wenig Hilfe ankommt“, so Bernd Göken weiter. Ende November des vergangenen Jahres folgte der Cap-Anamur-Geschäftsführer der Einladung der Parlamentariergruppe des Bundestags für Ostafrika. Die Politiker erkundigten sich interessiert über die Situation im Sudan – Reaktionen gab es bisher keine. Und auch die internationale Gemeinschaft zeigt sich teilnahmslos.
Im April oder Mai beginnt die Regenzeit, dann werden die Straßen nicht mehr passierbar sein. Die Truppen aus Khartum werden mit allen Mitteln versuchen, die Rebellen bis dahin außer Gefecht zu setzten. Keiner weiß, wie viele Menschen noch sterben müssen. Ihr Weg in die Unabhängigkeit scheint endgültig versperrt und die Hoffnung, dass die Vernunft und nicht die Waffen siegen, ist gering.
Bilder: Jürgen Escher / Cap Anamur
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