Tschetschenien: Zu Hause in Grosny?

Artikelinfo
Datum: 
16.06.2005
Autor: 
Boris Dieckow

Seit 1995 fahre ich nach Tschetschenien. Nie habe ich jemanden getroffen, der mir gesagt hätte das Grosny eine schöne Stadt ist. Viele haben mir erzählt, dass es früher mal so war. Mit viel Phantasie kann man an der einen oder anderen Ruine Reste von Fassaden erkennen. Stuckverzierungen, die vermuten lassen, dass es wirklich einmal so war. Doch die Menschen in Tschetschenien leben nicht in Phantasienwelten und von Erinnerungen können sie nicht existieren. Die Realität lässt dafür auch keinen Raum. Ich fahre mit dem Privileg dorthin wieder wegfahren zu können. Wenn ich aber da bin und das, was an Arbeit zu tun war, getan ist - wenn ich dann gefragt werde, wohin wir jetzt fahren - dann sage ich "nach Hause". Für eine kurze Zeit ist Grosny mein Zuhause. Wer sich nur ein wenig die Trümmerbilder dieses Landes vor Augen hält, wer an den allgegenwärtigen Terror denkt, wird das vielleicht nur schwer verstehen.

Wie kann man sich dort "heimisch" fühlen?

Es ist ja wahr. Es leben zwischen 150.000 und 250.000 Menschen in dieser Stadt (niemand kann das wirklich genau sagen) - aber was ist das für ein Leben. Ein Leben ohne Kino und Bibliotheken, ein Leben ohne wirkliche Freiheit, ohne die Möglichkeit einfach so zu verreisen, weil schon der nächste Kontrollposten das Ende der Reise sein kann. Es ist ein Leben mit einer Fußballmannschaft (Turek Grosny), die ihre Heimspiele in der russischen Liga 250 km von Tschetschenien entfernt austragen muss, weil niemand das Überleben der Gastmannschaften sichern kann, und weil es natürlich auch kein Stadion gibt. Dass diese Mannschaft 2004 den russischen Pokal gewann und dann im UEFA Cup spielen konnte, hat dort viele Menschen stolz gemacht. Das war so ein kleines Stück Hoffnung.

Wenn ich daran denke, dass in der Kinderpoliklinik in Grosny, die wir seit Anfang 1995 unterstützen, noch Mitarbeiterinnen sind, die wir seit Anbeginn kennen, wenn ich weiß, wie schwierig die Bedingungen oft waren, habe ich allerhöchsten Respekt vor der Arbeit dort. Es tut gut zu wissen, dass die mit ihren Spendengeldern reparierte Heizung nun schon 8 Jahre funktioniert, dass die Physiotherapie mit den von uns gekauften Geräten arbeitet, dass vieles, was wir allein an dieser Stelle getan haben, so wirksam, so hilfreich, so effektiv ist.

Das ist eine der Erfahrungen, die es uns möglich gemacht hat, den Wiederaufbau des Kinderkrankenhauses zu beschließen. Direkt, nachdem wir den Mitarbeitern des Krankenhauses vor Ort unsere Entscheidung mitgeteilt haben, lief alles das an, was wir gemeinsam geplant hatten. Sofort wurde mit der Räumung des Geländes begonnen, fast 500 LKW-Ladungen Schutt wurden in den ersten 10 Tagen abtransportiert, doppelt so viel lag noch da. Parallel zum Abtransport wird das Gelände eingezäunt und gleichzeitig mit den Arbeiten am ersten fertigzustellenden Gebäude begonnen. Also, 3 Baustellen auf einmal.

Ich habe in den letzten Monaten von den Mitarbeitern oft die Frage, die auch immer eine Bitte war, gestellt bekommen: " Macht ihr das Krankenhaus wieder? Macht ihr es wieder so schön wie es war?" Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht, gerade weil die Bedingungen dort so schwierig sind, weil die Geschichte des Krieges in Tschetschenien eben noch nicht zu Ende ist. Und wir haben uns dafür entschieden, weil wir wissen, dass diese Menschen dort Hoffnung brauchen, dass sie uns nicht allein lassen werden, wenn wir in Schwierigkeiten sind, weil sie uns die Möglichkeit geben, mit den Spendengeldern ehrliche Arbeit zu machen.

Mir hat meine Klinik in der ich arbeite die Entscheidung leichter gemacht, weil sie mich für die Arbeit in Tschetschenien freistellt. In den letzten Jahren habe ich dort meinen Urlaub und Überstunden eingebracht (wie das viele bei Cap Anamur tun) und brauche jetzt auch weiterhin von Cap Anamur keinen Arbeitsvertrag.

Aber am Allerwichtigsten ist mir die Erkenntnis: Um sich in einer Stadt zu Hause zu fühlen braucht sie nicht heil zu sein, sie kann auch so schrecklich sein wie Grosny es ist. Es ist kein Anblick an den ich mich je gewöhnen werde. Jedesmal, wenn ich über die Stadtgrenze fahre und das mittlerweile reparierte riesige Ortseingangsschild passiere, weiß ich welcher Anblick mich erwartet. Aber ich weiß, dass ich von Menschen begleitet und erwartet werde, die es mir möglich machen zu sagen: Ich fahre nach Hause.