Denkmalenthüllung

Rede von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble zur Einweihung des Denkmals für Rupert Neudeck in Troisdorf

Es gilt das gesprochene Wort

„Das radikale Leben beginnt mit der Einsicht, dass alles zu ändern ist, wenn wir uns ändern.“ Dieser Satz steht nicht auf dem neuen Denkmal. Aber er würde gut passen. Denn Rupert Neudeck hat diesen Satz nicht nur gesagt, sondern danach gelebt. Ein radikales Leben. Als Rebell aus Nächstenliebe.

„Wir müssen etwas gegen das Massensterben im Südchinesischen Meer tun.“ Das meinte Rupert Neudeck damals wörtlich. Er nahm sich der Vietnamesen an, die in den siebziger Jahren zu Tausenden über das Südchinesische Meer flohen und überfallen, vergewaltigt, verschleppt wurden. Oder in ihren kaum seetüchtigen Booten zu ertrinken drohten.

Rupert Neudeck bedauerte die Menschen nicht nur, wie viele in der westdeutschen Bevölkerung auch – er handelte. Unbeirrbar. Streitbar und radikal selbstlos.

Gemeinsam mit Ihnen, liebe Frau Neudeck, mit Heinrich Böll und anderen Mitstreitern half er nach französischem Vorbild, sammelte Spenden und schickte ein Schiff zur medizinischen Versorgung der Flüchtlinge ins Südchinesische Meer.

Dass Rupert Neudeck die Überlebenden auch zu uns nach Deutschland brachte, war mehr als ein Akt der Barmherzigkeit. Es war ein rebellischer Akt – die Aufnahme war politisch hochumstritten. Die Bundesregierung sträubte sich zunächst, Boatpeople ins Land zu lassen. Auch in der Politik waren es am Ende einzelne, die den Unterschied machten, die Flüchtlinge aufnahmen und Kontingente vereinbarten.

Schon damals stand dem Asyl für bedrohte Menschen das Argument entgegen: Wenn wir hier helfen, schaffen wir dort neue Anreize zur Flucht. Locken weitere Flüchtlinge an. Die humanitären Katastrophen sind heute andere, diese Einwände kennen wir aber. Sie begleiteten Neudecks humanitäres Engagement von Beginn an – ständig.

Rupert Neudeck ließ solche Vorbehalte nicht gelten. Überhaupt keine. Er folgte einem moralischen Imperativ. Selbst Flüchtlingskind, in Danzig geboren. Zeitweise im Jesuitenorden. Philosoph. Bekannt vor allem als Journalist. Rupert Neudeck war in diesem Beruf alles andere als neutral. Er machte sich als Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Deutschlandfunk wortgewaltig und hartnäckig für die Belange der „Habenichtse“ stark. So nannte er existenzbedrohte Menschen. Er wollte gegen alle Widerstände ein Bewusstsein dafür wecken, dass die Lage bedrohter Menschen nicht ausweglos sein musste. Dass es an uns liegt, Auswege zu suchen. Neudeck nutzte die Macht der Medien nicht allein, um zu informieren oder um Spendenaufrufe zu verbreiten. Er erzeugte politischen Druck.

Man könnte sagen: Rupert Neudeck konnte nicht anders. Er musste handeln – so wirkt es angesichts der vielen humanitären Einsätze, die auf seine Initiative zurückgingen. Auf dem afrikanischen Kontinent, im Nahen Osten, auf dem Balkan – in unzähligen Kriegsgebieten und Krisenregionen weltweit. Sein Engagement für die Boatpeople war der Anfang. Cap Anamur, die Grünhelme und vor allem er selbst kannten weder Ausreden noch Barrieren bei ihren Hilfseinsätzen.

Angespornt wurde er von einem Satz, den er zuerst für ein Zitat aus dem Evangelium hielt: „Man muss versuchen, für sich selbst und für die anderen zu leben.“ Den Satz sprach nicht Jesus, sondern Jean Paul Sartre. Ausgerechnet. Im Interview mit Neudeck warb er dafür, der Entfremdung in westlichen Gesellschaften entgegenzuwirken. Die Klarheit des Atheisten Sartre verfing beim Katholiken Neudeck.

Seine Humanität war radikal. Er hat dafür Grenzen überschritten – und sah das Dilemma, in dem er sich immer wieder befand: in bester Absicht nahe am Rechtsbruch. Er hat die politisch Verantwortlichen und die Verwaltung genervt. Als Christ und Pazifist Druck ausgeübt. Ich habe das selbst erlebt. Vor seinem globalen Verantwortungs­bewusstsein konnte sich keiner verstecken, er schonte niemanden, am wenigsten sich selbst.

Rupert Neudeck hatte einen hohen moralischen Anspruch – zuerst an sich selbst. Und er lebte danach. Was für die Familie nicht immer einfach gewesen sein wird. Kein Sparschwein war vor ihm sicher, Notleidende hatten Vorrang. Seine Konsequenz machte seine Glaubwürdigkeit aus. Dafür verdient er auch posthum Ehrung.

Ein Denkmal für Rupert Neudeck bleibt trotzdem ein Widerspruch in sich. Er hätte sich wohl dagegen gewehrt. Aus persönlicher Bescheidenheit. Und dann doch zugestimmt. Denn ein Denkmal schafft Öffentlichkeit – und er wusste genau, wie er uns wachrütteln konnte. Um ein Bewusstsein für die Dringlichkeit eines neuen Hilfsprojekts zu wecken.

Für humanitäre Einsätze gibt es auch weiter Bedarf. Das Denkmal kann in seinem Sinn als Denkanstoß, als Initial wirken: Wo würde Rupert Neudeck jetzt hinschauen? Auf welches Elend hätte er heute im Deutschlandfunk atemlos und detailreich unseren Blick gelenkt? Wie sehr hätte er uns auch beschämt – weil wir wieder einmal nur entrüstet oder mitleidig oder nicht einmal das sind.

Das wirkliche Gedenken, die bleibende Erinnerung an den Intellektuellen, den Humanisten und Aktivisten, hat einen anderen Ort gefunden. Das beweist dieses Denkmal. Rupert Neudeck lebt weiter in den Gedanken der Menschen, die er gerettet hat. Und in der Erinnerung aller, deren Entrüstung und deren Mitleid er in Tatkraft verwandeln konnte.