Fluchtursachen entgegenwirken

Cap Anamur startet eine neue Ausbildung für Frauen in Afghanistan

Das Leid in Afghanistan ist nach Jahrzehnten des Terrors enorm. Trotzdem wollen wir nicht da ansetzen, wo längst nur noch Leid etwas gelindert werden, sondern schon dort, wo noch größeres Leid verhindert werden könnte. Seit Jahren fliehen die Afghanen vor dem Terror und der Perspektivlosigkeit im eigenen Land. Dies wirkt sich auch auf die aus, die ihr Land nicht verlassen wollen oder können. Da sich vor allem finanziell besser gestellte Kreise die hohen Kosten für eine Abwanderung leisten können, erlebt Afghanistan seit Jahren einen gewaltigen Schwund an talentierten Akademikern, Künstlern und Fachkräften, die dem politischen, gesellschaftlichen und infrastrukturellen Wiederaufbau des Landes nun nicht mehr zur Verfügung stehen. Vor allem in den ohnehin schlechter vernetzten, ländlichen Regionen beobachten wir diese Tendenz im medizinischen Sektor. Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, haben wir nun erneut eine Ausbildung für afghanische Frauen in Herat initiiert, die nicht nur für neue medizinische Fachkräfte, sondern auch für unabhängige Frauen sorgen wird.

150 Frauen wurden zur Prüfung eingeladen. (Foto: Haidari)

Dass unsere neue Ausbildung für junge Menschen in Afghanistan erneut gut angenommen würde, zeigten schon die vielen Bewerbungen, die bei unserem Projektkoordinator Faisal Haidari eingingen. Insgesamt wollten 320 Frauen aus den Provinzen Ghor, Herat und Badghis die dreijährige Ausbildung zur Krankenpflegekraft beginnen. Von der Ausbildung erfahren hatten die Frauen teilweise durch einen Aushang am Gesundheitszentrum in Herat, vor allem aber durch Empfehlungen und Berichten von bereits fertig Ausgebildeten.

Nach erfolgreichem Abschluss verschiedener Schulungsprogramme für Hebammen und Community Health Nurses, sowie dem Abschluss des Schulungsprogramms für Krankenschwester und Krankenpfleger im vergangenen Jahr, haben wir nun erneut eine Ausbildung nur für Frauen im vom Terror geplagten Afghanistan ins Leben gerufen. Alle Ausbildungen sind mit dem afghanischen Gesundheitsministerium abgesprochen und staatlich anerkannt. Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung kehren die Schülerinnen als examinierte und hochqualifizierte Pflegekräfte in ihr Heimatdorf zurück und verpflichten sich, für die Dauer von mindestens drei Jahren dort in ihrem neuen Beruf zu arbeiten und damit die Gesundheitsversorgung im ländlichen Bereich zu verbessern. Da wir nun in einigen Regionen genügend medizinische Fachkräfte ausbilden konnten, haben wir unsere neuste Ausbildung gezielt in den Provinzen Ghor, Herat und Badghis ausgeschrieben, wo die medizinische Versorgung noch nicht flächendeckend gewährleistet ist. Im Gegensatz zu unserer letzten Ausbildung, die sowohl für junge Frauen und Männer angeboten wurde, ist diese neue Ausbildung gezielt für Frauen angelegt, da in diesen Regionen bisher kaum Frauen ausgebildet wurden.

Die neuen medizinischen Fachkräfte nach der letzten Ausbildung im Herbst 2019. (Foto: Haidari)

Von den 320 Frauen, die sich bei uns beworben haben, wurden insgesamt 150 Frauen zur Prüfung in Herat eingeladen. Diese wurde vom Gesundheitsministerium in Afghanistan sowie von einigen Lehrern zusammengestellt und beinhaltete Fragen aus allen Bereichen der Allgemeinen Hochschulreife in Afghanistan, diese entspricht dem deutschen Abitur. Die 44 besten Absolventen dieser Prüfung wurden schließlich zur neuen Ausbildung angenommen.

Auf diese 44 neuen Schülerinnen kommen in den kommenden drei Jahren keine Kosten zu. Das Wohnheim, die Verpflegung, der Transport zur Schule, das Lehrmaterial und sogar die Kindergartenbetreuung werden komplett von Cap Anamur übernommen. Daneben zahlen wir selbstverständlich auch Lehrer und Schulungsräume für die Ausbildung.

Der Ausbildungsinhalt richtet sich nach dem staatlichen Curriculum. Es werden regelmäßige Supervisionen des Gesundheitsministeriums in Kabul durchgeführt. Zu den Unterrichtsfächern gehören unter anderem Anatomie, Physiologie sowie Krankheitslehre. Ein Großteil der Ausbildung setzt auf das Erlernen von praktischen Fähigkeiten. So finden zweidrittel des Schulungsprogramms im Provinzhospital in Herat statt. Die zukünftigen Pflegekräfte werden dort in Blockeinsätzen eingesetzt und können so ihr erlerntes Wissen direkt umsetzen.

Neben einigen Zwischenprüfungen müssen alle Absolventinnen nach drei Jahren eine große Abschlussprüfung ablegen. Nach Bestehen erhalten sie ein staatlich anerkanntes Diplom als Krankenpflegekraft. Wie nach unseren vorherigen Ausbildungen haben sich alle Auszubildenden verpflichtet nach Abschluss in ihr Heimatdorf zurückzukehren und dort für einige Jahre in ihrem neuerlernten Beruf zu arbeiten.

Der Erfolg gibt uns Recht. So konnten wir Afghanistan bereits um 130 Hebammen, 76 Community Health Nurses und 47 Krankenschwestern und -pfleger bereichern. In drei Jahren werden nun 44 weitere Medizinerinnen in akut unterversorgte Gebiete gehen und dort nicht nur die medizinische Situation dauerhaft verbessern, sondern auch als Vorbild für Frauen und Mädchen agieren.