Abschied nehmen im Kongo

Neben dem Krankenhaus im ugandischen Ococia konnten wir zum Jahreswechsel ein weiteres Projekt erfolgreich abschließen: Das Krankenhaus im Kongo. Es liegt inmitten des Süd-Kivu, im Osten des Kongos, der seit Jahren Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen ist. Insbesondere die Menschen der stark betroffenen Region an der Grenze zu Ruanda brauchten dringend medizinische Unterstützung. Im Sommer 2008 haben wir deswegen die Betreuung des 250-Betten-Krankenhauses in Kamituga übernommen, das baulich in einem sehr schlechten Zustand war und nicht annähernd ausreichend Platz bot für die hohe Anzahl an Patienten. Zudem gab es kein tragfähiges Konzept um die Kosten der Einrichtung zu decken. Deswegen war unser erster Schritt, gemeinsam mit den einheimischen Kollegen die Strukturen für alle Bereiche des Krankenhauses zu überarbeiten.

In die finanzielle Unabhängigkeit

So betraf ein Großteil der Veränderungen den Bereich der Krankenhausverwaltung. Unsere größte Herausforderung bestand darin, die Einrichtung in die finanzielle Unabhängigkeit zu führen. Der Staat kann in der Regel nicht die Gehälter für das Krankenhauspersonal bezahlen. Es gibt keine Krankenversicherung und die meisten Menschen sind arm, deswegen müssen die Kosten angemessen sein. In den Jahren vor unserem Eintreffen hat das Krankenhaus die Preise schrittweise erhöht, um einen Ausweg aus seiner wirtschaftlichen Krise zu finden. Immer weniger Menschen konnten sich deswegen die medizinische Behandlung überhaupt noch leisten. Und je weniger Patienten kamen, desto mehr wurden die Kosten angehoben. Viele Menschen blieben unversorgt.

Unser Team schulte die Mitarbeiter im Krankenhausmanagement. Es brauchte einiges an Überzeugungsarbeit, doch nach einigen Monaten konnte ein neues Konzept umgesetzt werden: Die Kosten wurden auf ein bezahlbares Niveau gesenkt, dadurch stiegen die Patientenzahlen so deutlich an, dass die laufenden Kosten der Einrichtung gedeckt werden konnten: Die Zahl der Operationen stieg von 3 auf 60 bis 100 pro Monat. Der neu eingerichtete Kreissaal ist gut organisiert und der Raum für die auf die Geburt wartenden Schwangeren von außerhalb ist immer gut belegt. Auf dieser Basis kann das Krankenhaus auch langfristig ohne unsere Unterstützung funktionieren.

Medizinisches Know-how

Der Fokus unserer medizinischen Arbeit lag auf der Schulung und Fortbildung des Fachpersonals: Das Cap-Anamur-Team, zu dem Chirurgen, Pädiater, Gynäkologen, Pflegekräfte und Hebammen gehörten, schulten die einheimischen Kollegen in effektiveren Behandlungsmethoden. Die Hebamme Sabine Ndukwu hat die Entwicklung des Krankenhauses über zwei Jahre begleitet und auch die Projektübergabe in die Hände der lokalen Mitarbeiter betreut: „Es ist natürlich immer etwas traurig, wenn ein Projekt zu Ende geht. Man muss sich von Freunden und lieb gewonnenen Kollegen verabschieden. Doch es birgt auch eine Chance für die Menschen vor Ort, miteinander Erarbeitetes umzusetzen und ihren Weg unabhängig weiterzugehen.“

Parallel zur Weiterbildung des Personals wurden die alltäglichen Abläufe neu strukturiert: Im ersten Gebäude am Eingang wurde eine Patientenaufnahme mit integrierten Konsultationsräumen sowie eine Notaufnahme eingerichtet. Zuvor mussten die Notfallpatienten zur Erstversorgung auf eine der Stationen gebracht werden. Die Apotheke wurde in Zusammenarbeit mit den vor Ort zuständigen Kollegen übersichtlich geordnet. Auch das Labor samt Blutbank wurde mit allen notwendigen Geräten ausgestattet. Cap Anamur hat einen letzten großen Medikamenten- und Materialtransport mit Vorräten für die nächsten Monate zur Verfügung gestellt, damit auch nach unserem Abschied ein langsamer Übergang in die Selbstständigkeit gewährleistet ist.

„Durch die Zusammenarbeit von Krankenschwestern und Pflegern, Ärzten, Hebammen und Technikern aus dem Kongo und aus Deutschland konnte ein guter medizinischer Standard für die Menschen in Kamituga erreicht werden“, berichtet Sabine Ndukwu. „Für mich selbst war es eine erfahrungsreiche und  intensive Zeit, es galt viele Hürden zu nehmen, immer wieder bin ich an der Bürokratie gescheitert, oft war ich berührt und erstaunt über die vielen Möglichkeiten, die ohne große Aufwand schnell und einfach geregelt werden konnten. Ich bin vielen Menschen begegnet, habe Schicksale miterlebt, die mich noch immer tief bewegen. Ich möchte allen Freunden, Kollegen, den Menschen in Kamituga und Bukavu und vor allem den Spenden in Deutschland für die Unterstützung und für das Vertrauen danken.“

Bau und Renovierung

Wir mussten bei allen Gebäuden die Dächer und Decken reparieren, teilweise ganz erneuern, Wände stabilisieren, ausbessern und neu verputzen. Die Böden mussten ausgebessert, Fenster und Türen repariert und ausgetauscht werden. In den vergangenen fünfeinhalb Jahren haben wir uns um den Bau beziehungsweise die Instandsetzung des Operationsraums, der Radiologie, der Poliklinik zur Versorgung ambulanter Patienten, der Apotheke mit Labor und Blutbank, die Intensiv- und Geburtsstation, sowie die Pädiatrie, die ehemalige Tuberkulosestation und die Verwaltungsräume gekümmert. Mehr als die Hälfte der Zeit hat Michael Beirle die Bau- und Renovierungsarbeiten betreut. Der Techniker hat drei Jahre für Cap Anamur in Kamituga gearbeitet.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Einrichtung von Sanitäranlagen. „Sie ist der Grundstein für gute hygienische Verhältnisse“ so Beirle, der sich um die Wasserversorgung kümmerte und in Zusammenarbeit mit seinen einheimischen Kollegen Duschen und Latrinen für die Patienten baute. „Wir haben vier komplette Anlagen gebaut, mit septischem Tank, einem Dreikammersystem und Sickergrube. Insgesamt gibt es auf dem Gelände nun 25 Latrinen und 21 Dusch- beziehungsweise Waschplätze. Zudem wurden Wassertanks installiert um das Regenwasser nutzen zu können: dreimal 5.000 Liter und zweimal 2.000 Liter sowie einen 10.000 Litertank für das Leitungswasser um eine Wasserknappheit auszugleichen.“

Die Wege auf dem Gelände glichen bei unserer Ankunft einer Mondlandschaft mit etlichen Hügeln und Löchern. Unmöglich, darüber mit einem Rollstuhl oder einer rollbaren Liege Patienten zu transportieren. Nun sind alle Wege begradigt und gepflastert. Auch der gesamte Eingangsbereich wurde mit Natursteinen gepflastert, die aus den lokalen Hügeln abgebaut wurden. Dadurch bleibt das gesamte Krankenhausgelände sauberer. Zuvor verwandelten sich die Wege bei jedem Regen in matschige Trampelpfade und der Schlamm wurde von den Patienten und Mitarbeitern bis auf die Stationen getragen. „Zum Schutz vor der Sonne haben wir Baumsetzlinge gepflanzt, die in Zukunft den nötigen Schatten spenden werden. Zudem sind die Bäume rund um das Krankenhaus ein guter Schutz gegen den Verwitterungsprozess“, erklärt Beirle.