Ein Land im Wiederaufbau?

Von Konstantin Wiest

Kommt man aus dem Iran auf der kürzlich neu ausgebauten Schnellstrasse nach Herat, dem sprudelnden Handelszentrum des westlichen Afghanistan, möchte man auf den ersten Eindruck hin unseren westlichen Politikern fast Glauben schenken, dass sich das Land zwar in einem schwierigen, aber dennoch kontinuierlichen und unaufhaltsamen Aufbauprozess befindet. Volle Bazare, geschäftige Leute, neue Krankenhäuser, gestiftete Schulen und eine überbordende Administrative: was braucht das Land mehr, fragt man sich da – doch der Schein trügt!  Auf dem Weg zu unserem Krankenhausprojekt im Gulron Distrikt versinnbildlicht der Zustand der Infrastruktur den wahren Zustand des nichtstädtischen Afghanistans: bis Rabatsangi führt noch eine von den Sowjets in den 60er Jahren gebaute Betonplattenstrasse und dann geht es mehrere Stunden auf einer unbefestigten und ausgefahrenen Piste durch etliche Dörfer nach Qara Bagh, einer der größten Ansiedelungen des ganzen Distrikts und Standort eines Hospitals, das für mehr als 150 000 Menschen zuständig ist.

Seit Herbst 2005 hat sich durch das Engagement von Cap Anamur vor Ort viel getan und die Bevölkerung dankt es dem Team herzlich, obwohl und auch gerade weil sich die Sicherheitssituation wie im Rest des ganzen Landes seit Anfang des Jahres rapide verschlechtert hat. Während eine ausländische NGO nach der anderen wegen versicherungsspezifischer Bedenken aus Kabul, welches die meisten im Laufe ihres Aufenthaltes nie wirklich bis auf so genannte “Assesment – Trips” verlassen haben, abzieht, bestätigt sich das Bedürfnis der ländlichen Bevölkerung nach Wiederaufbau und geordneten Strukturen. In Qara Bagh werden täglich zwischen 150 – 250 Patienten versorgt und es werden stetig mehr! Allein in diesem Jahr wurden zusätzlich 220 Notoperationen an Patienten durchgeführt, die teilweise tageslange Anmärsche hinter sich gebracht hatten. Auf Grund dieses wahrhaften Zustroms wird dieses Frühjahr der Ausbau des Krankenhauses mit einem neuen Gebäudekomplex, Röntgen zur besseren Diagnosefähigkeit und die Etablierung eines Gesundheitspostennetzes im Umland in Angriff genommen. Damit wird Cap Anamur dann das einzige Krankenhaus mit dem Status eines Distrikthospital in der Region von Gulron stellen, welches über so notwendig erforderliche breit gefächerte medizinische Versorgungsmöglichkeiten für die Menschen verfügt.

So lange sich in den ländlichen Regionen Afghanistan nichts tut, also keine Strassen, keine Schulen und keine Krankenhäuser gebaut werden – so lange werden auch die wieder erstarkenden Taliban von der dort lebenden Bevölkerung nach wie vor als eine alternative Ordnungsmacht zu der momentan nur rudimentär ausgebildeten und extern gestützten Exekutive des Präsidenten Karzai wahrgenommen.  Da helfen auch keine kasernierten ISAF – Truppen, die mehr um ihre eigene Sicherheit als um den Wiederaufbau des Landes besorgt sind. Und das Argument der abziehenden internationalen NGO´s, den einheimischen Organisationen mehr Verantwortung in die Hände zu legen, ist nur pures Blendwerk! Es geht darum durch konkrete Leistungen den Menschen tägliche Stabilität nach annähernd 30 Jahren Krieg zu geben und dadurch den Gewalttreibern ihre ideologische Munition aus den Händen zu reißen! Afghanistan und seine Einwohner brauchen dringend Hilfe!

Unser Dank gilt den Cap Anamur Teams in Afghanistan und unseren Spendern!