Medizinische Hilfe in schwieriger Lage

Seit sich die internationalen Truppen zunehmend aus Afghanistan zurück gezogen haben, ging auch das mediale Interesse an der Situation im Land zurück. Für die Menschen vor Ort, die mit den Taliban, dem IS und anderen Milizen allein gelassen werden, ist das fatal, denn während der politische Einfluss der offiziellen Regierung meist nicht über die Stadtgrenzen Kabuls hinausreicht, kämpfen die politischen und religiösen Wortführer verschiedener Stammeszugehörigkeit in den 34 Provinzen um die regionale Vorherrschaft. Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht und die Anschläge und Kämpfe fordern immer wieder zivile Opfer.

Seit 2007 versuchen die Vereinten Nationen systematisch die Opfer des Konflikts zu erfassen und kamen zu der Erkenntnis, dass noch nie so viele Zivilisten getötet oder verletzt worden sind, wie im Jahr 2015. Dem „Global Terrorism Index 2015“ zufolge erreicht Afghanistan den zweiten Rang hinter dem Irak in der Liste der am stärksten von terroristischen Aktivitäten betroffenen Länder weltweit. Im ganzen Land sind die Taliban und andere aufständische Gruppierungen auf dem Vormarsch.

Die Sicherheitslage wird immer angespannter und erschwert auch unsere Arbeit ungemein: Entführungen und bewaffnete Überfälle stehen an der Tagesordnung. Sie sabotieren Bauvorhaben und Versorgungsmöglichkeiten, die zur Verbesserung der Lebensstandards der Zivilbevölkerung dringend nötig sind. Eine Veränderung der Lage ist leider nicht in Sicht. Umso notwendiger in dieser Situation ist unsere Arbeit im Land.

Hohe Kindersterblichkeit

Nach fast vier Jahrzehnten Krieg steht Afghanistan auf Platz 16 (von insgesamt 193 Staaten) der neusten UNICEF-Statistiken zur Kindersterblichkeit weltweit: Jedes siebte Kind erlebt seinen fünften Geburtstag nicht, oft sterben Kinder bereits in den ersten Lebensmonaten. Besonders die ländlichen Regionen sind davon betroffen, denn hier finden die Entbindungen nach wie vor zu Hause statt und nicht in einem Krankenhaus mit ausreichend geschultem Personal. Die Kindersterblichkeitsrate liegt bei mindestens 91 von 1.000 bei Kindern unter fünf Jahren. Diese Zahlen beziehen sich lediglich auf die registrierten Fälle. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen, da insbesondere die abgelegenen Gebiete in der Statistik oft nicht erfasst werden können. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Kindersterblichkeitsrate bei 4 zu 1.000.

Bildung als Grundpfeiler

Die Ausbildung von Hebammen und Krankenschwestern ist sehr wichtig, denn in einem patriarchalisch geprägten Land wie Afghanistan ist es nicht vorgesehen, dass Frauen einer Lohnarbeit nachgehen. Doch genau dort fehlen sie – unter  anderem in gesundheitlichen Berufen wie in den sensiblen Feldern der Gynäkologie und der Geburtshilfe. Wenn männliche Mediziner aus kulturell-religiösen Gründen  zudem nicht an einer Geburt teilnehmen dürfen, bleibt für Schwangere Frauen nur noch die Entbindung im häuslichen Umfeld unter Beteiligung weiblicher Laien. 85 Prozent der Mütter bringen ihre Kinder zu Hause zur Welt, mit allen tödlichen Risiken, die eine Geburt fernab von Hebammen und Hygieneversorgung birgt.

Der hohen Bedeutung, die der Bildung für die Entwicklung einer Bevölkerung zukommt, tragen wir bei der Ausrichtung unserer Projekte Rechnung. Der Ausbildungsplan ist mit dem lokalen Gesundheitsministerium abgestimmt. Das Examen ist somit offiziell anerkannt und staatlich zertifiziert. Einheimisches Lehrpersonal wird regelmäßig fortgebildet, um das Wissen stets auf dem aktuellen Stand zu halten.

Sämtliche Kosten, also etwa 3.200 Euro für die gesamte zweijährige Ausbildung einer Hebamme beziehungsweise Krankenschwester, werden von Cap Anamur getragen. Dazu zählen neben den Gehältern für die Lehrenden auch das Arbeitsmaterial, die Strom- und Heizkosten sowie die Unterbringung der Auszubildenden und die Betreuung ihrer Kinder. Nach Abschluss der Ausbildung kehren die Schülerinnen als examinierte Hebammen oder sogenannte Community Health Nurses in ihr Heimatdorf zurück und unterstützen und sensibilisieren ihr Umfeld mit dem Gelernten. Sie betreiben Schwangerenvor- und nachsorge, Geburtshilfe und stehen für Fragen zu Impfungen, Hygiene und Verhütung zur Verfügung.

Die Arbeit der letzten sieben Jahren zeigt Erfolge: Erst vor zwei Monaten, am 5. Mai 2016, wurden in Herat 81 weitere Absolventinnen gefeiert. Im Rahmen ihrer Examensfeier erhielten 41 Hebammen und 40 Krankenpflegerinnen ihre Urkunden. Seit Beginn unseres Projektes im Jahr 2009 wurden insgesamt 130 Hebammen und 76 Krankenschwestern ausgebildet.

Bau und Instandsetzung von Krankenhäusern

Neben der Ausbildung von Hebammen und Krankenschwestern baut und betreibt Cap Anamur Krankenhäuser in ländlichen Regionen von Afghanistan. Fünf dieser Krankenhäuser haben wir bereits an das staatliche System übergeben. Wie geplant sind alle Einrichtungen weiter in Betrieb und erreichen Bevölkerungsschichten, die zuvor von einer angemessenen medizinischen Versorgung ausgeschlossen waren.

Mitte 2015 haben wir die Bauarbeiten an der sechsten Klinik abgeschlossen. Auch sie wird nach Absolvierung der obligatorischen Dreijahresfrist in staatliche Verantwortung übergeben.