Wasser für Hodja-Ghar

Für die Bewohner der kleinen Kreisstadt Hodja-Ghar hat in dieser Woche eine neue Zeitrechnung begonnen: Zum ersten Mal seit Menschengedenken ist es gelungen, aus der Lehmwüste in dieser Gegend frisches, kühles Grundwasser zu gewinnen. Unter dem Bohrturm, mit dem türkische Spezialisten unter Leitung von Cap-Anamur-Technikern vier Wochen lang gearbeitet hatten, spielten sich tumultartige Szenen ab. Die Freude ist unbeschreiblich, sowohl bei den Einwohnern von Hodja-Ghar – als auch bei unserem Team.

Nach mehreren Anläufen war die Bohrung in 90 Metern Tiefe auf eine Wasserader gestossen. Doch bis zum ersten Probelauf der Pumpen war unklar, ob die gefundene Ader auch genug Wasser hergeben würde. Doch nachdem einige Minuten lang nur ein dumpfes Blubbern zuhören war, schoss schliesslich ein gewaltiger Strahl aus den angeschlossenen Rohren. Techniker und Schaulustige fielen sich spontan in die Arme.

Blitzschnell hatte sich die gute Nachricht in der ganzen Stadt herumgesprochen: Von überall her kamen die Menschen zum Gelände der alten Baumwollfabrik gelaufen, um das Wunder mit eigenen Augen zu sehen – und mit eigenen Händen zu greifen:
Die Jugendlichen – Jungen und Mädchen – lieferten sich umgehend eine Wasserschlacht, während die lokalen Würdenträger Cap Anamur ihren Dank abstatteten. Doch Dankbarkeit wurde auch höheren Stellen zuteil: Ein alter Mann fiel vor dem Bohrloch zum Gebet auf die Knie. “Ich bin 85 Jahre alt geworden”, stammelte er, “aber noch niemals in meinem Leben habe ich Wasser aus dem Boden kommen sehen! Mein schönster Traum ist in Erfüllung gegangen !” Am Abend wurde ein Lamm geschlachtet – alle feierten und tanzten bis nach Mitternacht.

Unser jordanischer Geologe Atef Zaidan, der die Bohrarbeiten geplant und überwacht hatte, hielt seine Freude noch zurück, denn erst einmal musste das Wasser getestet werden. Ergebnis: Keinerlei bakterielle Verunreinigung – allerbeste Trinkwasserqualität ! In den vergangenen Jahrzehnten hatten verschiedene Stellen und Organisationen immer wieder versucht, in der Gegend um Hodja-Ghar Wasser zu finden: Doch die russischen Besatzer waren dabei ebenso gescheitert wie ein Techniker-Team aus Frankreich. Wir sind glücklich – und auch nicht wenig stolz – dass wir nun erfolgreich waren.

Rund 28.000 Euro hat die Bohrung gekostet – etwa dieselbe Summe kommt nun noch einmal dazu, um zwei Hochbehälter zu bauen, von denen aus die Bewohner versorgt werden können. Die Anlage ist auf eine Fördermenge von 30 Kubikmeter pro Stunde ausgelegt – ausreichend für über 50.000 Menschen in der Region.

Auch für Hygiene und Gesundheit der Bevölkerung in und um Hodja-Ghar bedeutet der neue Tiefbrunnen einen entscheidenden Fortschritt: Die bisherige Versorgung aus offenen Kanälen und Tümpeln hatte immer wieder zu Magen- und Darm-Erkrankungen geführt, die vor allem für kleine Kinder schnell lebensgefährlich werden können. Diese Gefahr gehört nun bald der Vergangenheit an.

Eine andere, grosse Gefahr aber bleibt: Dass nämlich der Friedensprozess in Afghanistan von radikalen Kräften gestoppt werden könnte. Die jüngsten Angriffe auf internationale Helfer im Land haben uns – gerade im Moment des schönen Erfolgs – schmerzlich daran erinnert. Wir werden unsere Arbeit trotz der schrecklichen Morde fortsetzen. Denn wir glauben an das andere, das friedliche und aufgeschlossene Afghanistan der Zukunft. Daran bauen wir weiter, gemeinsam mit den Menschen in der Provinz Takhar.