Afghanistans Hoffnung sind junge Frauen und Männer

Unter normalen Umständen hätten sich Faride und Nasirahmad wohl niemals kennengelernt, denn Faride stammt aus einem Grenzdistrikt nahe der iranischen Grenzen und Nasirahmad aus einem Dorf an der Grenze zu Turkmenistan. Und auch wenn die beiden im selben Distrikt gewohnt hätten, hätte dies nicht viel geändert, denn für junge Frauen und Männer in Afghanistan ist es nicht üblich, mit Mitgliedern anderer Clans zu sprechen. Nun sind die beiden nicht nur frisch verheiratet, sondern auch fertig ausgebildet. Und beides verdanken sie Cap Anamur.

Der Beginn einer Erfolgsgeschichte

Angefangen hatte alles im Jahr 2016. Nach dem erfolgreichen Abschluss unserer Hebammenausbildung, schrieben wir eine neue Ausbildung für Pflegekräfte aus. Diese sollte nun drei statt nur zwei Jahre dauern, staatlich anerkannt sein und erstmals das geschlechtsspezifische Segregationsmuster aufbrechen und sowohl weiblichen als auch männliche Teilnehmer aufnehmen. Über 200 Bewerbungen gingen bei unserem Team in Afghanistan ein. Nach einer Zulassungsprüfung entschieden wir uns für 47 Teilnehmer: 28 Frauen und 19 Männer. Wichtige Grundvoraussetzung: Sämtliche Teilnehmer sollten aus den ländlichen Gebieten Afghanistans kommen und sich dazu verpflichten nach der abgeschlossenen Ausbildung auch dorthin wieder zurückzukehren, denn nur so konnten wir gewährleisten, dass die so dringend benötigte medizinische Basisversorgung im ländlichen Raum nachhaltig verbessert würde.

Seit vielen Jahren wird Afghanistan beherrscht vom Terror der Taliban und Korruption. Noch immer gibt es beinahe täglich neue Anschläge mit Toten und Verletzten. Viele Menschen flüchten vor der dem Terror und der Perspektivlosigkeit im eigenen Land. Da sich vor allem finanziell besser gestellte Kreise das Auswandern leisten können, erlebt Afghanistan seit Jahren einen gewaltigen Schwund an talentierten Akademikern und Fachkräften. Vor allem in den ohnehin schlechter vernetzten ländlichen Regionen wird diese Tendenz im medizinischen Sektor deutlich. Die wenigen Krankenhäuser befinden sich in den Ballungszentren, die für die meisten Menschen der 34 Provinzen des Landes nicht oder nur schwer erreichbar sind. Die langen Anfahrtswege sind für die Landbevölkerung nicht nur gefährlich, sondern auch teuer und für schwer Erkrankte oder hochschwangere Frauen kaum zu bewältigen. Erkrankungen, die von medizinischem Fachpersonal gut therapierbar sind, können in unterversorgten Regionen einem Todesurteil gleichkommen. Es fehlt insbesondere auch  an Frauen in medizinischen Helferberufen, denn viele Frauen gehen aus Scham und Scheu nicht zu den wenigen Männern, die Hilfe leisten könnten.

Medizin gegen Aberglaube

Für Faride und Nasirahmad beginnt nun ein ganz neues Kapitel. Gemeinsam werden sie als staatlich examinierte Krankenschwester bzw. examinierter Krankenpfleger zurück in ihre Dörfer gehen, um den Menschen zu helfen, die sonst keine Chance auf eine angemessene medizinische Versorgung hätten. Neben erster Hilfe beherrschen sie nun unter anderem die Versorgung von kleineren Verletzungen, können intravenöse Zugänge legen und Impfkampagnen unterstützen. „In den Dörfern herrscht noch viel Aberglaube.  Mit Krankheiten oder psychischen Problemen gehen viele noch immer lieber zum Mullah als zum Arzt“, erklärt Nasirahmad, „das hat mich schon früher immer sehr geärgert. Umso mehr freue ich mich nun, den Menschen in meinem Dorf richtig medizinisch helfen und vor allem aufklären zu können“.