Als Binnenflüchtling in den Nuba Bergen

Wenn die Hoffnung, nach Hause zu kommen, noch nicht gestorben ist

Es war keine Zeit mehr, um alle Sachen einzupacken, um alle Wertgegenstände mitzunehmen und sich in Ruhe von allem zu verabschieden. Als die Soldaten der sudanesischen Armee im März 2016 kamen, blieb der damals 26-jährigen Maisa und ihrer Familie nichts anderes übrig, als hastig ihr Zuhause zu verlassen und in die Berge zu fliehen. Sie hatte ihr ganzes Leben in dem 4.000-Seelen-Ort Haya Bako verbracht, war dort aufgewachsen, hatte sich dort verliebt und ihre Kinder dort bekommen, doch nun blieb keine Zeit, um irgendwem oder irgendetwas nachzutrauern. Zu Fuß und nur mit dem nötigsten bepackt, floh Maisa mit ihrer Familie und einem Teil des Dorfes ins Gebirge.

Ihr Dorf hinter sich zulassen, bedeutete für Maisa nicht nur ihr Zuhause, sondern auch die familiäre Dorfgemeinschaft zu verlieren. Schon Rupert Neudeck begeisterte bei seinen ersten Besuchen in den Nuba-Bergen die außergewöhnliche Solidarität und die Gemeinschaft in den meist sehr einfachen und ärmlichen Dörfern der Nuba. Die große Besonderheit: Die Dorfgemeinschaften bestanden seit jeher aus Christen, Muslimen und Animisten, die nicht nur ihre Religionen friedlich nebeneinander ausleben konnten, sondern ihren Nachbarn, unabhängig von der Religionszugehörigkeit, auch jeder Zeit zur Hilfe eilten.

Bodenoffensive löste neue Fluchtwelle aus

Im März 2016 startete die sudanesische Regierungsarmee erneut eine große Bodenoffensive. Die meist ländliche Bevölkerung musste in großen Scharen aus ihren Dörfern fliehen. Manche versuchten, in den ohnehin bereits völlig überfüllten Flüchtlingslagern einen Platz zu bekommen, andere wollten, in der Hoffnung auf baldige Rückkehr, in der Nähe ihrer alten Heimat bleiben, viele schafften es nicht rechtzeitig aus ihren Dörfern. Zu ihnen gehören auch Maisa und ihre Familie. Mit einigen anderen Dorfbewohnern und vielen Flüchtlingen aus anderen Regionen des Sudans haben sie sich zu einem neuen Dorf zusammengeschlossen. Ein dreistündiger Fußweg über die Berge trennt sie von ihrem alten Zuhause. Noch immer besetzt das Militär den Ort, der als Kornkammer der Region gilt. Vor allem die Wasserpumpe, zu der die Frauen noch jeden Tag laufen müssen, wird regelmäßig beschossen.

„Anfangs haben wir das neu entstandene Dorf nur zu Fuß besuchen können“, berichtet Johannes Plate, Cap-Anamur-Krankenpflegerin den Nuba-Bergen, „doch irgendwann hatte sich herumgesprochen, dass wir regelmäßig kommen, und mittlerweile gibt es dort sogar ein kleines Community Health Center mit einigen lokalen, von uns ausgebildeten Mitarbeitern. Wir müssen nun auch nicht mehr hinlaufen, sondern können den Ort mit dem Auto anfahren, ohne beschossen zu werden“. Doch eine Hebamme, die werdende Mütter bei der Geburt und in den ersten Monaten, bei der Aufklärung über Impfungen und Hygiene unterstützt, fehlt dem Dorf noch. Daher bildet das Cap-Anamur-Team in den Nuba-Bergen nun die inzwischen 28-jährige Maisa zur Hebamme aus. In ein paar Monaten wird Maisa ihre Ausbildung abgeschlossen haben und die medizinische Versorgung in ihrem Dorf weiter mit verbessern. Eine Rückkehr in ihr altes Dorf scheint in den nächsten Monaten zwar nicht möglich, doch Maisa gibt die Hoffnung nicht auf, irgendwann wieder nach Hause zu können.