Apfelbäume pflanzen

„Oporto, oporto” – wie Schatten huschen die Rufe seinen Schritten nach. Sie grüßen ihn mit dem Wort, das die auffallend blasse Hautfarbe dieses weißen Mannes beschreibt. Über Rinnsale von Regenwasser streift er durch schulterbreite Gassen, vorbei an ungeordneten und aneinander gedrängten Blechhütten und hölzernen Marktständen. Dann hat er sein Ziel erreicht: das vierstöckige gelblich verputzte Gebäude in der Hagan Street 2. Mitten im größten Slum Freetowns betreibt Cap Anamur das Straßenkinderprojekt Pikin Paddy (kreolisch für „Freund der Kinder“). Es ist der neue Arbeitsplatz des 26jährigen Ole Hengelbrock, dessen großer Wunsch es ist, einige der „verlorenen Seelen“ in eine bessere Zukunft zu begleiten, ihnen ein Zuhause zu schaffen und bei der Wiedereingliederung in Familie und Schule zur Seite zu stehen.

„Knapp ein Jahr ist das nun her“, berichtet der studierte Sozialarbeiter, der seitdem viel bewegt hat, aber auch vieles lernen musste. „Hätte ich mich allein auf das theoretische Werkzeug meiner Arbeit verlassen, wäre ich gescheitert.“ Seiner Intuition indessen kann er vollkommen vertrauen. Mithilfe seiner engagierten und authentischen Art konnten 326 Straßenkinder im Alter von 5 bis 14 Jahren im Pikin Paddy willkommen geheißen werden. „Keines der Kinder verließ sein Elternhaus freiwillig, oft spielten Gewalt und Armut, Leichtsinn oder Missverständnisse eine Rolle“, erzählt der junge Mann aus Borgloh. „Umso schöner, dass bereits nach kurzer Zeit in unserer Obhut die Kinder sichtbar aufblühen. Im Miteinander lernen sie Kritikfähigkeit und den Umgang mit Niederlagen und sie entdecken ihre Hoffnungen, ihren Mut und ihr Selbstwertgefühl.“ Es brauchte viel Geduld, Einfühlungsvermögen, etliche Gespräche mit den Kindern, ihren Eltern, Verwandten und Lehrern, um zu vermitteln und auszusöhnen. Und es kostete herbe Rückschläge – doch heute leben 214 der Kinder wieder bei ihren Familien. Das ist ein großer Erfolg.

„Natürlich bekümmern mich die 112 Schicksale, die es wieder auf die Straße gezogen hat. Wichtiger ist jedoch unsere Zuversicht, dank derer wir ohne zu verzagen die Türen und Arme offen halten. Deswegen freuen wir uns mehr über die Kinder, die durch unsere Arbeit den Weg nach Hause finden konnten, als dass wir die gescheiterten Fälle beweinen“, sagt Ole. „Diese trotzige Zuversicht hat einst Martin Luther sehr bildlich beschrieben: ‘Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen‘. Das passt sehr gut für mich. Denn obwohl es nicht immer leicht ist, erfüllt mich die Arbeit in Sierra Leone mit Freude. Und ich bin mir sicher: Solange wir mit Cap Anamur Apfelbäume pflanzen, wird die Welt nicht untergehen.“