Das erste Jahr auf der großen Insel

Cap Anamur unterstützt in Madagaskar an zwei Standorten die ländliche Bevölkerung im Bereich Gesundheitsversorgung. Im Südwesten ist das Team, bestehend aus Krankenschwester, Arzt und Techniker in der Region Atsimo Andrefana tätig. Dort unterstützen wir das Krankenhaus in Bezaha und fünf ländliche Gesundheitsstützpunkte medizinisch als auch technisch und verbessern damit die medizinische Versorgung von rund 65.000 Menschen.

Der mittelgroße Ort Bezaha liegt rund 700 km südlich von unserem zweiten Standort Fandriana in der sogenannten  „Zone Rouge“ (siehe unten: Hintergrund). Weil die Region trocken und wenig fruchtbar ist, fokussiert sich der Lebenssinn der Menschen überwiegend auf den Besitz von Zebu-Rindern. Das Leben hier ist wesentlich beschwerlicher als im so fruchtbaren Hochplateau Madagaskars.

Die von Cap Anamur unterstütze Einrichtung ist das Referenzkrankenhaus für den gesamten Bezirk und verfügt über seine einzige chirurgische Einrichtung. Unser Team wird neben der strukturellen Verbesserung der Chirurgie und Geburtsstation auch die Abteilungen für Innere Medizin und Pädiatrie wiederbeleben. Das Desinteresse und Missmanagement des Chefarztes sowie korrupte Mitarbeiter des Pflegepersonals haben die Situation in den vergangenen Jahren noch verschlimmert.

Neben der Beschaffung von notwendigen medizinischen Gütern und der praktischen Arbeit der Mediziner stehen vor allem der Wissensaustausch und die praxisorientierte Anleitung und Weiterbildung im Vordergrund. So konnten im vergangenen Jahr bereits große Fortschritte bei der Hygiene erreicht werden. Das Krankenhaus wird nun wesentlich häufiger aufgesucht als vor unserem Eintreffen. Insbesondere auf der chirurgischen Station liegen mittlerweile zahlreiche, zum Teil sehr schwer verletzte oder erkrankte Patienten, denen hier nun gut geholfen werden kann.

Mit gezielten baulichen Maßnahmen am Krankenhaus von Bezaha konnten die hygienischen Verhältnisse weiter verbessert und bauliche Missstände behoben werden. So wurde der Operationstrakt, der einzige im Umkreis von drei Fahrstunden, reorganisiert und renoviert. Zudem haben wir weitere Gebäude renoviert, neue Sanitäranlagen gebaut, die Apotheke baulich saniert und neu strukturiert sowie das Ambulanzfahrzeug wieder instand gesetzt.

Der zweite Standort befindet sich in der Landesmitte, in der Provinz Amoron´i Mania. Der Ort Fandriana ist etwa 6 Fahrstunden südlich von der Hauptstadt Antananarivo entfernt. Fandriana ist eine mittelgroße Stadt im zentralen fruchtbaren Hochland. Im Einzugsbereich unseres Krankenhauses leben etwa 100.000 Madegassen. Ziel des Projektes war die Inbetriebnahme einer operativen Einheit, auch in Hinblick auf die relativ gut funktionierende Geburtsstation, damit in Zukunft ein sicherer Kaiserschnitt durchgeführt werden kann.

Da es bisher kein Stationsgebäude für chirurgische Patienten gab, haben wir, auch mit der Unterstützung unseres Architekten Andreas Tsukalas aus dem Projekt in Bezaha ein neues Gebäude errichtet. Derzeit arbeiten wir an der Fertigstellung des chirurgischen Bettentraktes. Für einen reibungslosen Ablauf haben wir auch das Labor wieder in Betrieb genommen. Alle erforderlichen Geräte und die Einrichtung des OP-Blocks wurden bestellt und stehen seit Ende Mai zur Verfügung. Bis Ende Juni werden wir in Fandriana eine funktionelle chirurgische Abteilung aufgebaut haben. Damit gibt es für die rund 250.000 Einwohner des Distriktes eine Alternative zum Regionalkrankenhaus in Ambositra, welches für viele Patienten zu weit entfernt und auch zu teuer ist.

Unsere Ärzte vor Ort, Dr. Friederike Hunstig und Dr. Lothar Winkler, konnten bereits den Bereich der Sonografie einführen und wichtige Verbesserungen in der chirurgischen Abteilung umsetzten. In den kommenden Monaten werden wir gemeinsam mit dem einheimischen chirurgischen Personal den Operationsbetrieb aufbauen. Auch die Einrichtung einer Röntgenabteilung ist geplant, diese wird sich wegen der langen Lieferzeiten voraussichtlich bis Ende Juli realisieren lassen. Dann können auch orthopädische Interventionen durchgeführt werden. Es geht voran am Standort Fandriana.

Hintergrund

Im Februar wurden in Madagaskar relativ friedliche Wahlen abgehalten. Der neue Präsident hat einen nicht vorbelasteten Mediziner als Premierminister berufen, der parallel das Gesundheitsministerium leitet. In der Bevölkerung herrscht ein vorsichtig abwartender Optimismus – vermutlich, weil es ohnehin kaum schlechter werden kann – vor allem im Gesundheitsbereich. Das staatliche Gesundheitssystem ist theoretisch kostenlos, im Alltag jedoch werden die Patienten aber zur Kasse gebeten. Dieses komplizierte und korrupte System ist vor allem im Süden schwer zu durchschauen.

Die allgemeine Sicherheitslage scheint nach den Wahlen unverändert und ist recht stabil: Autofahren sollte man nach Einbruch der Dunkelheit nicht, denn die Straßen sind zum Teil nicht befestigt und liegen in vollkommener Dunkelheit. Etwas angespannter ist die Situation im Süden des Landes, in der sogenannten Zone Rouge, in der auch unser Projektstandort Bezaha liegt. Dieses Gebiet gilt als Sperrgebiet für Ausländer. Hier wurden bereits mehrfach Patienten mit schweren Schussverletzungen in unser Krankenhaus gebracht. In der Regel handelte es sich dabei um regionale Konflikte – denn hier ist der Rinderdiebstahl sehr verbreitet.