Das verlassene Volk

Syrien – einst Wiege der Kultur. Die Altstadt Aleppos ein UNESCO-Weltkulturerbe. Doch nach zwei Jahren Bürgerkrieg ist wenig davon übrig: Moscheen, Markthallen und Wohnhäuser liegen in Schutt und Asche. Aber auch Schulen, Geschäfte und Krankenhäuser. Das sind die sichtbarsten Folgen dieses Krieges. Anders verhält es sich mit den Todesopfern. Viele tausend Tote sind es mittlerweile, Männer, Frauen und Kinder, ganze Familien werden ausgelöscht – doch sie bleiben unserem Blick und damit dem Begreifen verborgen.

Täglich fallen Bomben. Städte liegen in Trümmern und in Ruinen lauern Scharfschützen. Die Auseinandersetzung zwischen Regimeanhängern und Rebellen wird mit brutaler Härte geführt. Auf beiden Seiten finden Folter, Hinrichtungen und andere Kriegsverbrechen statt. Der blutige Konflikt nimmt keine Rücksicht auf Zivilisten. Kinder werden ihrer Eltern beraubt oder selbst getötet. Jeden Tag neues Entsetzten, seit zwei Jahren nun schon. Die Überlebenden sind zutiefst traumatisiert.

Die Bilder, die uns hierzulande erreichen, können das Ausmaß von Tod und Zerstörung nicht vermitteln. Doch schon die nackten Zahlen sind erschütternd: Rund 70.000 meist zivile Todesopfer sind es seit Beginn der Kämpfe, so schätzen die Vereinten Nationen. 1,2 Millionen Syrer befinden sich auf der Flucht außer Landes, rund vier Millionen sind als Binnenflüchtlinge unterwegs auf der Suche nach mehr Sicherheit. Das entspricht einem Viertel der Bevölkerung. Wie können die Menschen einen Funken Hoffnung bewahren? So viel Leid auf der einen Seite und so wenig  internationale Unterstützung auf der anderen. „Die syrische Zivilbevölkerung wird allein gelassen“, so Dr. Werner Strahl, Vorsitzender von Cap Anamur. „Wir wollen denen helfen, die geblieben sind und damit ein Zeichen der Zuversicht für die Zivilbevölkerung setzen.“

Das vor Ausbruch des Bürgerkrieges hervorragende Gesundheitssystem Syriens ist im Norden des Landes mittlerweile vollständig zusammengebrochen, ebenso die Medikamentenproduktion. Humanitäre Hilfe für die vielen Verletzten und Verzweifelten ist dringend notwendig. Seit Monaten versuchen wir von Cap Anamur diese, unsere Pflicht zu erfüllen. Unser Team vor Ort verteilt trotz großer Schwierigkeiten und Gefahren Hilfsgüter und Medikamente an die zerstörten aber dennoch aktiven Krankenhäuser in den sogenannten befreiten Gebieten in und um Aleppo bis in die Krisenregionen um Homs. Tagtäglich werden verletzte Zivilisten gebracht. Die Lage in dieser viel umkämpften Stadt ist besonders dramatisch, dennoch sind hier kaum andere internationale Organisationen tätig.

Das Krankenhaus, in dem Cap Anamur seit Anfang Februar tätig ist, ist eines der wenigen, bei dem noch alle Stationen an einem Ort sind. Viele der bombardierten Hospitäler haben ihre einzelnen Stationen auf mehrere Gebäude verteilt – so zum Beispiel in Kellern mehrerer Wohnhäuser – und sich dort behelfsmäßig eingerichtet. Nach mehreren Reparaturen konnten wir die Wasserversorgung sicherstellen, und dank des Generators verfügt die Einrichtung über Strom. Doch wegen der anhaltenden Luftangriffe findet der medizinische Betrieb fast ausschließlich in den Kellerräumen statt. Die Anzahl der Patienten mit Schuss- beziehungsweise Explosionsverletzungen oder Granatsplitterwunden ist besonders hoch. Allein in den letzten zwei Monaten konnten über 5.000 Patienten versorgt werden.

Cap Anamur versucht, das medizinische Versorgungsnetz weiter auszubauen und eine flächendeckendere dezentralisierte Gesundheitsversorgung für die Menschen im Nord-Westen Syriens zu schaffen. Weitere Hilfe ist dringend notwendig, denn die Versorgungslage ist miserabel: Medikamente, Narkosemittel und Verbandsmaterial sind verbraucht. „Es fehlt an allem, aber nicht an tapferen, einsatzfreudigen Pflegern und Ärzten“, so Cap-Anamur-Geschäftsführer Bernd Göken nach seiner Rückkehr aus Syrien.

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Wir bitten Sie, unsere Hilfe mit einer Spende zu unterstützen. Fehlende Sanktionen und die Ratlosigkeit der Regierenden angesichts des grausamen Bürgerkriegs dürfen nicht zur Hilflosigkeit der Helfenden führen. Jeder Beitrag zählt!

Mit 40 Euro können wir zum Beispiel Verbandsmaterial oder Infusionen kaufen. Eine Spende von 100 Euro ermöglicht unseren Medizinern, fünf Narkosen durchzuführen.