Die Geschichte von Kohinoor

Von Shabbir Uddin Ahmed

Kohinoors Geschichte ist kein Einzelfall. So wie ihr ergeht es unzähligen Mädchen in Bangladesch: Mit ihren gerade einmal 14 Jahren wurde sie von ihren Eltern mit einem neun Jahre älteren Mann verheiratet. Wie auch in diesem Fall sind es oft finanzielle Nöte, die die Eltern dazu treiben, ihre Töchter in eine andere Familie zu geben. Denn dann braucht eine Person weniger ernährt zu werden. Zudem fällt die Mitgift für ein so junges Mädchen geringer aus.

Ballya Bibahanennt man in Bangladesch die Zwangsheirat von Kindern, die zwar von gesetztes wegen auch in diesem Land verboten ist, doch in den Dörfern zur gängigen Praxis gehört. Ausschlaggebend sind die vorherrschende Meinung der Dorfgemeinschaft und die der Eltern. In Dhuranjo im Norden Bangladeschs, dem Dorf von Kohinoors Familie, wird ein Großteil der Mädchen minderjährig vermählt.

Und so endet die Zeit, in der Kohinoor unbeschwert mit ihren Freunden spielen konnte. Statt wie ihre gleichaltrigen Freunde das Kindsein zu genießen, verrichtet sie nun die Arbeiten einer Hausfrau und muss ihre neue siebenköpfige Familie versorgen. Keine einfache Aufgabe, denn das Geld ist mehr als knapp. Ihr Mann Lablu, der einzige Verdiener der Familie, kann nicht lesen und schreiben und erhält nur das unregelmäßige Einkommen eines Tagelöhners. Außerdem besitzt seine Familie keinerlei agrarwirtschaftlich nutzbares Land.

Mit 16 Jahren wurde Kohinoor zum ersten Mal schwanger – für ihren noch mädchenhaften Körper war das zu früh. Sie litt unter Schmerzen und es kam zu ernsthaften Komplikationen bei der Entbindung. Mutter und Kind hatten großes Glück, zu überleben, denn die Geburt fand zu Hause statt und ohne Unterstützung durch medizinisches Fachpersonal. Die Freude über ihre Tochter wurde rasch getrübt, denn nun musste Kohinoor zusätzlich ein Neugeborenes versorgen. Dafür reichte das Geld kaum aus. Dennoch: Die Familie wollte in der Hoffnung auf männlichen Nachwuchs ein weiteres Baby.

Vier Jahre später wurde Kohinoor erneut schwanger. Ihre zweite Schwangerschaft verlief noch schwieriger als die erste: Die finanziellen Sorgen der Familie waren größer geworden, denn die Lebensmittelpreise stiegen an und die Großeltern waren mittlerweile so altersschwach, dass sie Medikamente benötigten. Da blieb nicht viel für Kohinoor selbst – und so aß sie unregelmäßig und wenig. Die Schwangerschaft schächte sie zusätzlich und sie bekam ernste Gesundheitsprobleme. Immer wieder verlor sie das Bewusstsein und fiel in Ohnmacht.

Obwohl ihre Familie sehr besorgt war, scheute sie den Arztbesuch, der schlicht unbezahlbar war. Endlich berichtete eines Tages ein Nachbar von dem Kalai Upazila Health Complex – eine der neun medizinischen Einrichtungen, die Cap Anamur unterstützt, damit die sogenannten ultra poors, die Ärmsten der Armen, hier kostenlos versorgt werden können.

Dieser Rat kam gerade noch rechtzeitig, denn obwohl Kohinoor anhaltende wehenartige Schmerzen hatte, konnte sie das Kind nicht entbinden. Ihr Mann brachte die Hochschwangere umgehend in das Gesundheitszentrum und die Ärzte begannen sofort mit zahlreichen Tests und Untersuchungen, um der Ursache für Kohinoors schlechten Zustand auf den Grund zu gehen. Der Gynäkologe stellte rasch fest, dass das Geburtsdatum bereits um Wochen überschritten war, das Kind aber aufgrund der Mangelernährung ebenfalls unterversorgt und zu klein war.

Noch an diesem Tag bekam Kohinoor ihre zweite Tochter. Aufgrund ihrer Verfassung war die Geburt für die Mediziner eine wahre Herausforderung, doch sie gelang ohne Kaiserschnitt. Nach einigen Tagen waren Mutter und Kind wieder etwas zu Kräften gekommen und durften nach Hause – die Familie war überglücklich, die beiden wohlbehalten empfangen zu können. „Meine Tochter und ich schwebten in Lebensgefahr“, sagt Kohinoor rückblickend. „Die Ärzte des Health Complex haben unser beider Leben gerettet, indem sie sich sofort um uns kümmerten. Ich bin dankbar, dass Cap Anamur die kostenlose medizinische Versorgung für Menschen wie mich ermöglicht und ich wünschte, dass es in ganz Bangladesch solche Einrichtungen wie die von Cap Anamur gäbe.“

Tatsächlich hat sich unser Angebot für den Norden Bangladeschs mittlerweile herumgesprochen und immer mehr Menschen machen Gebrauch davon: Gab es beispielsweise im Kalai Upazila Health Complex früher etwa zehn bis zwölf Geburten im Jahr, sind es heute zwischen 20 bis 30 im Monat. Dank der professionellen Unterstützung überstehen die allermeisten Frauen die Geburt ohne Probleme. „Es ist offensichtlich, dass die Geburt im Krankenhaus, die um so vieles sicherer ist, nun ganz anders in der Gemeinschaft angesehen wird“, berichtet einer der lokalen Ärzte. „Das ist eine wunderbare Veränderung!“

Kohinoor und Lablu sind glücklich, dass ihre zweite Tochter gesund und so munter ist, dass sie die beiden stets auf Trab hält.

Shabbir Uddin Ahmed

Der Bangladescher Shabbir Uddin Ahmed begleitet dieses Projekt seit seinem Beginn vor sechs Jahren. Seiner Ausdauer und seinem Verhandlungsgeschick ist es zu verdanken, dass unsere Hilfe dauerhaft  etabliert werden konnte – trotz der weit verbreiteten Korruption und der extrem hohen bürokratischen Hürden in diesem Land. Der 56jährige lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in Bangladesch.

Cap Anamur in Bangladesch

Was als Nothilfe für die Opfer des Zyklons Sidr begann, der im Jahr 2007 über das Land fegte, verheerende Schäden anrichtete und rund 3.500 Menschen tötete, hat sich zu einem dauerhaften Projekt entwickelt: Cap Anamur unterstützt neun medizinische Einrichtungen im Norden des Landes mit den benötigten Instrumenten und Medikamenten. Im Gegenzug wird die kostenlose Versorgung der ärmsten Bevölkerung gewährleistet. Unser spezielles Kontrollsystem garantiert, dass die Hilfe den Ärmsten der Armen zugutekommt. So können durch unsere Unterstützung rund 5.000 Patienten im Monat versorgt werden. Momentan plant unser Team die Erweiterung der Mutter-Kind-Versorgung sowie der medizinischen Betreuung alter Menschen in der Region Joypurhat.