„Die Menschen in den Nuba Bergen sind geprägt vom Krieg“

Ein Bericht der langjährigen Cap Anamur Projektmitarbeiterin Helene Prögler aus dem Sudan.

Helene Prögler hatte ihren ersten Einsatz für Cap Anamur bereits 1989 im Südsudan. Auch damals herrschte im Sudan schon der erbitterte Krieg zwischen der Regierung und den Rebellengruppen, der bis heute nicht beigelegt ist.

Seit 2012 ist die gelernte Krankenschwester nun fast durchgängig für Cap Anamur im Einsatz gewesen. Nach einem weiteren Jahr im Sudan, wo wir mittlerweile ein Krankenhaus in den Nuba Bergen gebaut haben und bis heute betreiben, ging es für Helene Prögler 2014 nach Sierra Leone.

Zu dieser Zeit grassierte Ebola im westafrikanischen Land und Cap Anamur war als letzte Hilfsorganisation im Land verblieben. Helene Prögler unterstützte damals die Arbeit im einzigen Kinderkrankenhaus Ola During Childrens Hospital in der Hauptstadt Freetown. Viele Kinder wurden zu dieser Zeit mit Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert. Durchgehend waren die 21 Betten der eigens für die Ebola-Epidemie errichteten Isolierstation belegt. Die medizinischen Mitarbeiter konnten diese Isolierstation aber nur in Schutzanzügen betreten.

Und hier war die langjährige Erfahrung der Essener Intensiv-Krankenschwester sehr wertvoll. Sie überwachte das An- und Ausziehen der Schutzkleidung – der wichtigsten Schutzmaßnahme für die Cap Anamur Mitarbeiter vor Ort (News vom 21.11.2014).

Seit Anfang 2019 war sie dann durchgehend im Sudan tätig. Hier hat sie im März diesen Jahres auch den Beginn der Corona Pandemie erlebt. Hatte man anfangs noch angenommen, dass die Pandemie auf dem afrikanischen Kontinent verheerende Ausmaße annehmen würde, hat sich im Laufe der letzten Monate gezeigt, dass die Infektionszahlen relativ gering waren. Dies lag sicherlich an den fehlenden Testkapazitäten aber auch an einer durchschnittlich viel jüngeren Bevölkerung als in Europa.

Helene Prögler berichtet in einem kurzen Interview, wie sie Corona in unserem Krankenhaus in den Nuba Bergen erlebt hat:

Wie hast Du und das Team im Sudan den Ausbruch von Corona erlebt und welche Maßnahmen habt ihr ergriffen?

„In den Nuba-Bergen gibt es keine verlässlichen Angaben, wie hoch die Infektionszahlen seit Ausbruch der Pandemie sind. Das liegt daran, dass es keine Kapazitäten für Tests gibt und diese nicht durchgeführt werden können. Daher sind die Mitarbeiter von Cap Anamur zunächst so vorgegangen, dass vor den Krankeneinrichtungen Hygienestationen errichtet wurden. Außerdem wurde sowohl das einheimische Personal als auch die Patienten aufgeklärt, wie man sich vor dem Corona-Virus schützen kann. Neben der Klinik in Lwere wurde eine Isolierstation errichtet, um Menschen mit schweren Symptomen unterbringen zu können.“

Lassen sich in den Nuba Bergen überhaupt Maßnahmen, wie Hygiene-  und Abstandsregeln umsetzen?

„Die Lebensumstände der Nuba sind nicht mit europäischen zu vergleichen. Sie müssen sich täglich auf den beschwerlichen Weg machen, um Wasser, Essen oder Feuerholz zu bekommen – zu Hause bleiben ist für sie nicht möglich. Sie leben auf engstem Raum und Abstand halten ist für sie undenkbar. Noch dazu gibt es ein Begrüßungsrituale, das auf einem engen Körperkontakt beruht. Diese Begrüßungen zu unterlassen ist für die Nuba schwer vorstellbar. Wasser ist zudem eines der wertvollsten Ressourcen. Die Beschaffung von Wasser ist für die Nuba schon so beschwerlich, dass sie dieses kostbare Gut nicht, für aus ihrer Sicht unnötigen Hygienemaßnahmen, verschwenden würden. Auch Seife können sich die Menschen gar nicht leisten. Einzig die Kinder haben die Hygienemaßnahmen, die von Cap Anamur bereitgestellt wurden, verstärkt angenommen und umgesetzt. Für sie war es eine Freude uneingeschränkt ihre Hände waschen zu dürfen.“

Welche weiteren Besonderheiten rund um die Corona-Pandemie habt ihr erlebt?

„Wir mussten feststellen, dass sich die Menschen in den Nuba Bergen unter einem Virus nichts vorstellen können. Sie kennen die Malaria, die von Moskitos übertragen werden und man daher diese Stechmücke meiden soll. Aber der Corona-Virus ist für sie ‚unsichtbar‘, sie können ihn weder sehen noch fühlen. Die Vorstellungskraft der Menschen ist vom Krieg geprägt: Wenn man ein Flugzeug hört, dann wissen die Menschen das sie zum Schutz in die Berge fliehen müssen um zu überleben. Das Virus hingegen ist für sie nicht greifbar, daher zeigen sie eine geringere Akzeptanz für die Maßnahmen gegen das Virus.“