Die Straßenkinder von Nairobi

Charles Ngatia

Die Lebensdaten von Charles Ngatia könnten auch die von tausend anderen Straßenkindern sein: mit acht Geschwistern in den Slums von Nairobi aufgewachsen, Vater  tot oder irgendwie abhanden gekommen, so genau weiß man das nicht. Jedenfalls steht die Mutter mit ihren Kindern allein, weiß nicht was sie tun soll, trinkt, trinkt sich um den Verstand.

Charles besucht die Schule bis zur 6. Klasse, dann ist kein Geld mehr da. Er zieht mit anderen Straßenkindern herum, ist aber dem rauen Leben auf der Straße mit seiner gnadenlosen Hackordnung nicht gewachsen. Er ist einer der ersten, die Unterschlupf bei Shangilia finden. Er absolviert den ersten Teil einer Autoschlosserlehre, steht dann aber das Praktikum nicht durch, möchte endlich Geld verdienen. Er versucht sich als Straßenverkäufer, macht ein Training als Wachmann mit, wird aber nicht genommen, weil er zu jung ist. Einer von zigtausenden ohne ausreichende Bildung, ohne Chance.

Doch dann wird die Geschichte anders. Charles Ngatias Mal-Talent fällt auf: Bühnenbilder für Shangilias Theater, bunte Träume auf der eisernen Eingangtür, afrikanisches Leben auf den Wänden. Jemand vermittelt ihm einen Platz in der Künstlerwerkstatt des Nairobi Museums. Charles schaut Malern, Schnitzern, Objektkünstlern zu, experimentiert, fügt verschiedene Materialen zusammen. Erste Bilder sind zu sehen im Goethe Institut, in der Museums Galerie, in der Contemporary Gallery of East Africa.

Sein erstes großes Erfolgserlebnis hatte er vor zwei Monaten. Da hat er eine Galeristin so lange angebettelt, bis sie schließlich drei seiner Bilder in Kommission genommen hat. Schon am nächsten Tag hat ein Kunde alle drei gekauft. Seitdem ahnt Charles, dass er eines Tages vom Bilder malen leben könnte. Mit Feuereifer nutzt er jede Chance, seine Technik zu verbessern, auszuloten, was möglich ist. Charles ist jetzt 25. Er ist schüchtern und leise, als fürchte er sich davor, an sein eigenes Glück zu glauben. Regelmäßig kommt er zu Shangilia, um mit den Kindern zu malen und obwohl er selbst nicht genug zum Leben hat, bringt er meistens etwas mit: Saft zum Verdünnen, ein paar Bonbons…

PS: Auch ich habe einen Ngatia gekauft und bin stolz darauf !
(Autor: Soli Dreckmann)

Veronikah Waschuka

Veronikah Waschuka gehört zu den Straßenkinder-Veteranen. Sie ist 20 und da stehen ihre Chancen schlecht, der Straße zu entkommen. Aber Waschuka will es unbedingt schaffen. Vor fünf Jahren stand sie zum erstenmal bei Shangilia vor der Tür, abgerissen und hoffnungslos. Sie wurde auf ein Polytechnikum geschickt, absolvierte einen Grundkurs im Nähen und bekam nach der bestandenen Prüfung eine kleine chinesische Nähmaschine. Dann war Waschuka verschwunden. Irgendwo im Slum. Sie hat versucht, sich mit Näharbeiten durchzuschlagen. Aber viele Aufträge gab es nicht. Ein paar Schilling für das Ändern alter Kleider und die musste sie auch noch mit ihrer ständig betrunkenen Mutter teilen. Und dann hat die Mutter die Nähmaschine gegen Fusel verhökert. Veronikah kam wieder zu Shangilia, abgerissen und hoffnungslos. Das war vor fast einem Jahr.

In drei Monaten wird sie wieder eine Prüfung ablegen. Dann hat sie einen Fortsetzungskurs im Schneidern hinter sich. Und damit sie Routine bekommt näht sie für die Shangilia-Kinder Hosen, Schuluniformen, einfache Kostüme fürs Theater. Diesmal, da ist sich Waschuka sicher, wird es klappen. Sie wird mehr können und besser sein und sie wird sich nicht wieder auf ihre Mutter einlassen.

John Nwaora

Es scheint schier unmöglich, von John nicht begeistert zu sein. Er sieht gut aus, ist zurückhaltend und liebenswürdig und formuliert seine Gedanken in hervorragendem Englisch wie Erwachsene es nicht disziplinierter tun können. Dabei ist er erst 12 – und ein ehemaliges Straßenkind im Heim von Shangilia.

Kein Wunder, dass auch eine Jury aus Vertretern internationaler Hilfsorganisationen und kenianischer Prominenz ihn im Juli auf einem Fest für Straßenkinder zum “Mr. Exodus” kürte. (“Exodus”, weil es ihm gelungen ist, dem Leben auf der Straße zu entkommen.) John lebt seit zwei Jahren bei Shangilia und geht dort in die 5. Klasse der zum Heim gehörenden Schule. (Natürlich ist er Klassenbester.) Er hat 18 bittere Monate auf der Straße hinter sich. Seine alleinstehende Mutter hatte das Schulgeld für ihn nicht mehr aufbringen können. Da hat John versucht, auf eigene Faust zu überleben, bis ihm klar wurde: so geht das nicht. Zwei Wochen hat er dann gebraucht, seine Mutter, die im Slum weiter verelendet war, in einer Elendshütte zu finden. Seine Mutter brachte ihn zu Shangilia.

Jetzt wird er ein Jahr lang die Belange von Straßenkindern in der Öffentlichkeit vertreten. Medienerfahren ist er bereits. Schon zum Jahresanfang hat ihn das kenianische Fernsehen auf der Suche nach Kinder-Darstellern bei Shangilia entdeckt. Seit dem moderiert John sonntagsmorgens das KBC-Kinderprogramm “Kiboko”. Und für ihn steht jetzt schon fest, dass er später Journalist werden wird.

Natürlich sind alle in Shangilia ein bisschen mit stolz, vor allem dann, wenn John erkennen lässt, wie sehr er sich die Art zu denken und zu handeln zu eigen gemacht hat, die in Shangilia angestrebt wird. Auf die Testfrage: “Was soll man tun, wenn eine Schülerin schwanger wird ?”, antworteten seine Konkurrenten (so wie es derzeit in Kenia Gang und Gäbe ist): “Abtreiben” oder “Das Mädchen von der Schule jagen”. Johns Meinung: “Für das Baby sorgen und das Mädchen auf jeden Fall die Schule zu Ende machen lassen.”