Ebola: Drastische Maßnahmen in Sierra Leone

Um die Ausbreitung der Ebola-Epidemie in den Griff zu bekommen, hat die Regierung eine landesweite Ausgangssperre für vier Tage verhangen: Vom 18. bis 21. September sollen 7.000 Teams bestehend aus je drei Personen alle Haushalte aufsuchen. Dabei sollen die Arbeitsgruppen aus Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums und Hilfsorganisationen sowie trainierten Freiwilligen (versteckte) Ebola-Infizierte aufspüren, Aufklärungsarbeit leisten und den Menschen zeigen, wie sie sich vor einer Ansteckung schützen können. Prävention steht bei dieser Aktion im Mittelpunkt. So betont der Informationsminister, dass es um den Schutz der Bevölkerung gehe: Immerhin haben sich erst 0,02 Prozent der Menschen infiziert. 5.999.000 Menschen seien nicht betroffen. Sie gilt es durch Vorsorge zu schützen. So soll beispielsweise das Verteilen von Seife an alle Familien Bestandteil der Hausbesuche sein. Nicht zuletzt soll mit dieser Aktion das brüchige Vertrauen in das Gesundheitsministerium gestärkt werden.

Zweifelsohne, die Menschen durch Aufklärung und Hygienemaßnahmen zu schützen, ist der wichtigste Schritt und längst überfällig. Doch dieses Konzept – sofern es überhaupt realisierbar ist, braucht es dafür doch 21.000 Personen, die die Hausbesuche durchführen – hat seine Tücken: So warnen Experten davor, dass sich weitere Menschen in der Enge der „Heim-Isolation“ infizieren könnten. Sollten infizierte Personen gefunden werden, müssen diese sofort in Quarantäne – doch es gibt im Land nicht annähernd ausreichend Behandlungszentren und freie Betten auf Isolierstationen.

Der Rückstau wirkt sich schon jetzt aus: Kürzlich gemeldete Verdachtsfälle konnten nicht abgeholt werden und mussten mehrere Tage in ihren Häusern oder auf der Straße bleiben. Die lokalen Autoritäten erwägen die Möglichkeit, öffentliche Gebäude wie Schulen zu Isolationsstationen umfunktionieren, um dem drohenden Kollaps vorzubeugen. Doch im Grunde ist diese Idee irreführend, da weder dem logistischen Aufwand noch den spezifischen präventiven Standards nachgekommen werden kann. Auch gibt es keine Lösung für Mangel an medizinischem Fachpersonal; es fehlen schlicht Ärzte und Pfleger, um die vielen neuen Patienten zu behandeln. Hinzu kommt, dass das medizinische Personal extrem verunsichert ist. Dabei sind fehlende Ausbildung und Erfahrung der Helfer bei der Screening-Untersuchung und dem Umgang mit infizieren Personen enorme Sicherheitsrisiken.

Es bleibt zu hoffen, dass die Hausbesuche nicht vor allem das Misstrauen der Menschen untereinander befeuert und dazu führt, dass kranke Familienmitglieder aus Angst vor einer Stigmatisierung noch eher versteckt werden. Denn bei den Besuchen sollen die Menschen auch für ihr eigenes nachbarschaftliches Umfeld sensibilisiert werden, damit Ebola-Kranke demnächst schneller dem Gesundheitsministerium gemeldet werden.

Darüber hinaus stellen auch die vier Tage Ausgangssperre die meisten Sierra Leoner vor große Herausforderungen, denn die Mehrzahl von ihnen lebt von Tag zu Tag und muss täglich aufs Neue etwas zu Essen finden. Vier Tage vorzusorgen ist auch aufgrund fehlender Kühlmöglichkeiten kaum möglich. Auf der anderen Seite hat jeder, der es sich leisten kann, bereits damit begonnen, Lebensmittel zu horten. In dieser ohnehin schon angespannten Situation könnte das zu Ausschreitungen führen.

Um die Situation in Freetown zu entschärfen, hat unser Sozialarbeiter-Team um Ole Hengelbrock für diesen Zeitraum die Versorgung der Kinder, die auf der Straße leben, organisiert. Das Team wird an allen vier Tagen der Ausgangssperre für je rund 150 Kinder kochen und das Essen an die Straßenkinder verteilen. Die Sondergenehmigung dafür ist uns bereits erteilt. „Die Schlafplätze der meisten Kinder sind uns bekannt.“, so Ole Hengelbrock. „Trotzdem gehen wir nun jede Nacht durch die Straßen um alle Winkel der Gegend zu durchkämmen. Wir informieren die Kinder, dass sie während der Ausgangssperre nicht rausgehen, sondern an ihrem Platz bleiben sollen. Zum Einen, um ihnen Essen bringen zu können, zum Anderen, um Ärger mit der Polizei und dem Militär zu vermeiden. Denn in einer ungewollten Begegnung steckt enormes Gewaltpotenzial. Die Soldaten werden patrouillieren. Doch wer Hunger hat, geht jedes Risiko ein. Um einer Eskalation vorzubeugen stehen wir schon jetzt in engen Kontakt mit den örtlichen Behörden, weisen auf die Extremsituation von Straßenkindern hin und bieten während der Ausgangssperre unsere aktive Hilfe an. Zusätzlich versorgen wir auch ältere Menschen, die auf der Straße leben sowie Menschen mit Behinderungen mit Lebensmitteln, da sie sonst auch nur durch Betteln über die Runden kommen. Die Aufgabe ist groß, aber wir freuen uns sie bewältigen zu dürfen.“