Europa versagt in Syrien

Mit Beginn des Bürgerkrieges 2011 engagierte sich Cap Anamur für die regelmäßig rücksichtslos bombardierte Bevölkerung in Syrien. Doch mit Verschärfung des Konfliktes und zunehmender Gewalt beschlossen wir unser Projekt in Syrien, zur Sicherheit unserer eigenen Mitarbeiter, abzubrechen und unsere Hilfe für die syrische Bevölkerung in den Flüchtlingslagern in Jordanien und im Libanon fortzusetzen. Doch der Wunsch wieder direkt in Syrien zu helfen, blieb. Daher nahm einer unserer Projektkoordinatoren nun das Risiko auf sich und verbrachte zehn Tage in dem Land, aus dem seit Jahren die meisten Menschen fliehen. Doch die Reise gestaltete sich schwieriger als angenommen. Erst letzte Nacht gelang dem Cap Anamur-Mitarbeiter die sichere Ausreise. Sein Bericht ist erschreckend.

„Die Menschen verhalten sich wie Ameisen. Panisch und planlos fliehen sie von einem Ort zum anderen, warten mal vor der israelischen und mal vor der jordanischen Grenze und wissen nicht weiter. Die Todesangst steht ihnen ins Gesicht geschrieben“, lautet das erste Fazit, nachdem unser Projektkoordinator wieder jordanischen Boden betreten und unser Büro in Köln verständigt hat. Er geht von fast 200.000 Menschen aus, die alleine vor der jordanischen Grenze Schutz gesucht haben, weitaus mehr ziehen weiterhin durchs Land. „Die Lebensbedingungen dieser Menschen sind katastrophal. Strom bekommen sie im besten Fall über ein kleines Solarladegerät, Wasser und Lebensmittel sind knapp und als Unterkunft müssen Planen oder leer stehende Wohnhäuser dienen. Von den hygienischen Bedingungen will ich erst gar nicht anfangen“, so der Cap Anamur-Projektkoordinator.

Gefangen im eigenen Land

Die neuste Militäroffensive in der Region Daraa im Süden des Landes hat die Situation für die Zivilbevölkerung erneut drastisch verschlechtert. Während Europa gespannt die Fußballweltmeisterschaft in Russland verfolgt, bombardieren russische Truppen rücksichtslos gleichermaßen Rebellen wie Zivilbevölkerung in Daraa. Über eine Viertelmillionen Menschen, die vorher nicht aus ihrer Heimat hatten fliehen wollen, sind nun doch auf der Flucht. Da weder Israel noch Jordanien ihre Grenzen öffnen wollen, sind diese Menschen gefangen im eigenen Land.

Enttäuschend ist auch der fehlende Aufschrei Europas und der deutschen Parteien. Während sich einmütig alle Parteien für die Bekämpfung von Fluchtursachen ausgesprochen haben, erfahren nun die Syrer, die sich entschlossen haben nicht aus dem Land zu fliehen und nun in diesem festsitzen, weder Aufmerksamkeit noch Unterstützung. Erst im Juni betonte Bundeskanzlerin Merkel bei ihrem Besuch im Flüchtlingslager in Jordanien, an einer Rückkehr der syrischen Flüchtlinge sei allen gelegen, „aber es müssen sichere Bedingungen sein, wenn eine Rückkehr in Betracht gezogen werden soll“. Diese Möglichkeit scheint nun ganz weit weg gerückt zu sein.

Hilfe ist schwierig

Cap Anamur untersucht inzwischen, wie den syrischen Binnenflüchtlingen auch von Jordanien oder von Israel aus geholfen werden kann. Die dringend nötige Lieferung von lebenswichtigen Medikamenten scheint aktuell unmöglich, da medizinischem Personal und Gesundheitsposten, die mit ausländischen NGOs kooperieren, von Assad regelmäßig Kollaboration vorgeworfen wird. Doch ein wegsehen, wie es aktuell die Parteien in Deutschland machen, kommt für uns nicht in Frage.

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