Straßenkind bei Vorstellungsrunde mit Smiley

Geschichten aus dem Pikin Paddy

Wer als Sozialarbeiter ins Pikin Paddy, unser Straßenkinderschutzhaus in Freetown, geht, muss starke Nerven, Geduld und ganz viel Kraft mitbringen. Denn die Geschichten, die die Kinder bei ihrer Ankunft erzählen, gehen selbst den ältesten und erfahrensten Mitarbeitern noch unter die Haut. Das Leben als Straßenkind in Sierra Leone ist beschwerlich und voller Gefahren. Sie müssen Gewalt, Demütigungen und sexuelle Übergriffe ertragen. Viele stehlen oder prostituieren sich, um ein paar Münzen für etwas zu Essen zu bekommen. Es ist kaum vorstellbar, was diese Kinder Zuhause erlebt haben, um sich für ein Leben auf der Straße zu entscheiden.

Geschichten aus dem Pikin Paddy

Von Zuhause verstoßen

Ibrahim hat nun ein neues Zuhause und kann wieder zur Schule gehen.Beim sogenannten Night Tracking fanden unsere Mitarbeiter vor Ort den 16-jährige Ibrahim. Sein Vater ist verstorben, die Mutter hat einen neuen Mann und mit diesem ein kleines Kind. Wenn Ibrahim von Hause erzählte, zeigte er kaum Mimik – sein Gesicht war starr. In seiner Familie war er nicht mehr gewollt. Die Wohnung war klein und sehr beengt und seine Mutter und sein Stiefvater wollten ihn schnell aus dem Haus haben. Er empfand sich als Belast, störte im neuen Familienleben. Mit seiner Mutter hatte er oft Streit, sein Stiefvater schlug ihn mit einem Gürtel immer wieder auf die selbe Stelle, damit die Wunden nicht verheilen. Durch die Situation Zuhause und einen enorm weiten Schulweg, wurden auch Ibrahims Noten immer schlechter. Eines Tages hatte er genug von den Schlägen und den Streitereien und lief von Zuhause weg.

Ibrahim zog durch die Slums in Freetown, bettelte und schlief auf der Straße, bis er vom Cap Anamur-Team gefunden und ins Pikin Paddy eingeladen wurde. Hier fand er für kurze Zeit eine neue Bleibe, bis unsere Sozialarbeiter vor Ort einen Onkel des Jungen ausfindig machten, der ihn gerne bei sich aufnahm. Er hatte gerade einen neuen Raum an seinem Haus fertig gestellt und wohnte auch in der Nähe von Ibrahims Schule. Das einzig Problem: Er hat kein Geld für Möbel. Auch in diesem Fall konnten wir aushelfen. Wir stellten Ibrahim erst mal ein paar Möbel zur Verfügung, damit er in das neue Zimmer einziehen, mehr Distanz zu seiner Mutter schaffen und wieder regelmäßig die Schule besuchen konnte.

Unsere Sozialarbeiter besuchen den 16-Jährigen regelmäßig und konnten nicht nur feststellen, dass sich Ibrahim gut eingelebt, sondern dass sich auch seine Noten verbessert haben.

Von Zuhause geflohen

Die zehnjährige Hawa fanden unsere Sozialarbeiter beim sogenannten Night Tracking auf der Straße schlafend. Sie war von Zuhause weggelaufen, weil ihre Tante sie geschlagen und zu schwerer körperlichen Arbeit gezwungen hatte. Sie erzählte dem Pikin Paddy-Team, dass sie nicht bei ihren Eltern lebte, da diese sehr arm waren und noch viele andere Kinder hätten. Dass Kinder bei den Großeltern, Tanten oder Onkeln aufwachsen, ist in Sierra Leone nichts ungewöhnliches. Das Verständnis von Familie und Erziehung ist dort ein anderes und teils sehr pragmatisch.

Unser Team fand eine andere Tante, die die kleine Hawa freudig bei sich aufnahm. Als wir bei der Nachsorge dort ankamen, stellte sich heraus, dass ein Onkel das Mädchen abgeholt hatte, da auch diese Tante Hawa schwer misshandelt hatte. Ihr Onkel hatte sie ihren Eltern zurück gebracht. Unser Team machte sich also auf die Suche.

Der Wohnort von Hawas Eltern lag mitten im Dschungel – 40 Kilometer weiter entfernt als anfangs angenommen. Also stand eine nicht ungefährliche Nachtfahrt durch den Dschungel, über holprige, halb kaputte, mit hohem Gras bewachsene, schmale Wege an. Nachdem unsere Sozialarbeiter viele kleine Dörfer durchquert hatten, fanden sie ein sehr überraschtes, glückliches Mädchen, das am Ende trotz der sehr beengten Verhältnisse wieder bei ihren Eltern untergekommen ist. Die mitgebrachte Matratze war ein Segen für das gebeutelte Kind. Bisher musste sie auf einem Holzbrett schlafen.

Dass sich jemand die Mühe gemacht hatte, für sie einen so beschwerlichen Weg auf sich zu nehmen, hat sie sichtlich gerührt. Insbesondere durch die beherzte Überzeugung unseres Sozialarbeiters Samuel, der den Wohnort des Kindes unbedingt finden wollte, hat das Kind nicht nur die Matratze, sondern vielleicht auch etwas Zuversicht für die Zukunft gewonnen.

Von Zuhause vergessen

Auch die 15-jährige Kadijah fanden unsere Sozialarbeiter schlafend auf der Straße und brachten sie, nach einigen Gesprächen, zu ihrem Onkel. Also sie von dort weg lief und wieder bei ihren Eltern einzog, die mitten im Dschungel ohne Verkehrsanbindungen und passende Schulen in der Nähre lebten, wurde unser Team misstrauisch und suchte das Gespräch.

Die Stimmung in der kleinen Hütte war äußerst schlecht als unser Team ankam. Ihre Eltern scheinen Kadijah dafür zu verachten, dass sie von ihrem Onkel weggelaufen war. Insbesondere ihre Mutter strafte sie mit Nichtachtung. Erst als unsere Sozialarbeiter die meisten Verwandten aus dem Raum baten und unsere Sozialarbeiterin Aminata mit Kadijah in deren Muttersprache – Mende – sprach, traute sie sich zu erzählen, dass ihr Onkel ihr kein Essen gab und sie regelmäßig mit Stöcken, Gürteln, Peitschen geschlagen hatte. Außerdem habe Andeutungen gemacht, sie später heiraten zu wollen. Da sei sie dann weggelaufen.

Die Eltern hatten ihrer Tochter bis dahin nicht zugehört und Kadijah hatte sich nicht getraut, ihre Situation zu erklären. Doch nun, nachdem alle die Beweggründe des Mädchens verstehen konnten, kam es zum Dialog zwischen Kadijah, ihren Eltern und unseren Sozialarbeitern. Kadijah lebt nun bei einer Tante in der Stadt, damit sie ihrem Wunsch gemäß endlich auf eine passende Schule gehen kann