Geschichten der Flucht

Seit sechs Jahren herrscht in Syrien der Ausnahmezustand. Laut UNHCR zwang der dortige Bürgerkrieg bereits über zwölf Millionen zur Flucht aus ihrer Heimat. In der Hoffnung auf baldige Rückkehr haben sich viele unweit von Syrien, an der jordanischen Grenze, niedergelassen. Dort versorgt Cap Anamur die Vertriebenen in drei Kliniken kostenlos. Die Arbeit in Jordanien ist für unsere Mitarbeiter häufig belastend, denn hinter jeder Flucht steckt ein tragisches Einzelschicksal. So wurden auch Hasim und Kamal (Namen von der Redaktion geändert) gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben, doch die Hoffnung auf Rückkehr haben beide noch nicht aufgegeben.

Sich um Kranke zu kümmern und zu helfen war schon immer der Wunsch von Kamal gewesen. Darum besuchte der heute 27-Jährige nach seinem Schulabschluss die Pflegeschule. Als in Syrien der Bürgerkrieg ausbrach, arbeitete Kamal als Krankenpfleger im Krankenhaus von Daraa. Während er und seine Kollegen versuchten so viele Verwundete wie möglich unterzubringen und zu versorgen, war das Krankenhaus regelmäßig im Visier der syrischen Sicherheitskräfte. „Beinahe täglich stürmten bewaffnete Militär das Krankenhaus, schlugen und beschuldigten das medizinische Personal und töten einige der Patienten“, erinnerte sich Kamal. Dennoch versuchte er sich auf keine Seite zu stellen und Verwundete unabhängig ihrer politischen Gesinnung zu behandeln. Doch im August 2012 stürmten Assads Truppen erneut das Krankenhaus und nahmen den Großteil des medizinischen Personals gefangen, darunter auch Kamal. Mehr als 60 Tage wurde er an einem ihm bis heute unbekannten Ort festgehalten, verhört und gefoltert. „Mehrere Male wünschte ich mir, ich würde sterben“, so Kamal. Nach seiner Haft ging der gelernte Krankenpfleger weiter seiner Profession nach und versorgte Verwundete. Immer wieder wurde er von verschiedenen bewaffneten Gruppen bedroht und geschlagen, da er im Krankenhaus auch Mitglieder einer verfeindeten Gruppe versorgt hatte. Als er sich schließlich weigerte den Militärdienst anzutreten, fühlte sich Kamal in Syrien nicht mehr sicher. Er floh über die jordanische Grenze, wo er bis heute in Flüchtlingscamps seiner Arbeit nachgeht und Verwundete und Kranke pflegt. Bei einer Rückkehr in seine Heimat würde er verhaftet und zum Militärdienst gezwungen werden.

Der 30-jährige Hasim hatte als Taxifahrer in Syrien gearbeitet. Mit Beginn des Bürgerkrieges positionierte er sich politisch und demonstrierte mit Gesängen und Aufmärschen gegen das syrische Regime. Durch seinen friedlichen Protest landete Hasim auf der schwarzen Liste und wurde, als er mit seinem Taxi durch einen Kontrollpunkt fuhr, abgefangen und verhaftet. Von der Sicherheitsbehörde nach Damaskus gebracht und verhört, verbrachte er 22 Tage in Haft, bevor er wieder nach Hause durfte. Doch der Heimweg gestaltete sich schwierig, da Hasim bereits am nächsten Kontrollpunkt erneut verhaftet und für weitere 15 Tage ins Gefängnis gesteckt wurde. Nur wenige Tage nach seiner Rückkehr umzingelten Sicherheitskräfte seine Heimatstadt Sahem Golan. Hasim, der zu dieser Zeit mit einigen Aktivisten zusammensaß, versuchte aus der Stadt zu entkommen, wurde jedoch bei einem Schusswechsel mehrmals ins linke Bein getroffen. Ohnmächtig sank Hasim zu Boden. Nur zufällig wurde eine nahe Ambulanz auf den ohnmächtigen Mann aufmerksam und brachte ihn in ein Krankenhaus. Nur durch die Unterstützung und Pflege einiger befreundeter Revolutionäre konnte Hasim nach einigen Wochen wieder nach Hause, doch machten ihm Morddrohungen und ständige Angst das Leben dort unmöglich. Hasim floh nach Jordanien, wo er mit einer Schiene am linken Bein ankam und nach nur wenigen Tagen erneut operiert werden musste. Nach dem Einsetzen einer Metallplatte kam er in physikalische Therapie am Deutschen Zentrum von Cap Anamur in Irbid. In Jordanien bekam Hasim nicht nur seine Beweglichkeit wieder, er nahm auch einen Job in einem kleinen Lebensmittelladen an, heiratete und wurde Vater. Dennoch hofft der 30-Jährige eines Tages in seine Heimat zurückkehren und dort friedlich mit seiner kleinen Familie leben zu können.

Hinter jeder Flucht steckt eine persönliche Geschichte. Helfen Sie uns helfen!