Geschichtsträchtiger Winter in Afghanistan

Von Döne Akdaz

“Dieser Winter ist geschichtsträchtig”, sagen viele Menschen aus Herat. Die meisten Bewohner können sich nicht daran erinnern jemals soviel Schnee in ihrer Stadt gesehen zu haben und vor allem nicht über einen solch langen Zeitraum. Hier im Westen von Afghanistan ist man heiße Sommer und kurze, milde Winter gewohnt. Die meisten Haushalte besitzen keinen Ofen, man sitzt eng aneinandergedrückt unter dem Kürsi. Ein Kürsi ist ein nach allen Seiten offener Holzkasten über dem eine dicke Steppdecke liegt. Darunter wird ein Metallbehälter gestellt, der mit glühenden Kohlen gefüllt wird. So verbringt man hier auch die eisigen Nächte.

Am Stärksten betroffen von der Kälte und den Schneemassen sind die Provinzen um Herat, insbesondere die Regionen Gulron und alle etwas höher gelegenen Distrikte. In Gulron sind wir seit mehr als zwei Jahren als einzige ausländische NGO tätig Wir haben in mühevoller Arbeit aus einem Gesundheitsposten ein Distrikt-Krankenhaus aufgebaut, das in ganz Herat beispielhaft ist. Durch das lange Zusammenleben mit der Bevölkerung konnten wir schnell die katastrophalen Folgen, die dieser unerwartet harte Winter für die Bauern und Viehnomaden bedeutet, erkennen.

Seit Wintereinbruch heißt es, seien bereits über 200 Menschen als unmittelbare Folge der unheilvollen Konstellation von Kälte und Armut gestorben. Die Dunkelziffer wird um ein Vielfaches höher liegen, da viele entlegene Dörfer, insbesondere in den Bergen, noch immer völlig von der Außenwelt abgeschnitten sind. Erst wenn die Straßen wieder frei sind, wird man das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe abschätzen können!

Der Bürgermeister von Herat und die UN haben alle NGOs aufgerufen Hilfe zu leisten, soweit es ihnen möglich ist!

Nach dem wir die Krisenlage den Verantwortlichen von Cap Anamur geschildert haben, bekamen wir – der Situation entsprechend unbürokratisch und schnell – den Auftrag eine Hilfsaktion in die Wege zu leiten. Unsere erste Aufgabe war es herauszufinden, worin der größte Bedarf liegt, was würde eine wirkliche Erleichterung für die Betroffenen bringen? Wir telefonierten mit den Bürgermeistern von Gulron und unserem Klinikdirektor Dr. Aziz. Alle waren sich einig, dass die Menschen dringend Lebensmittel benötigen! Dr. Aziz drückte es so aus: “Mit sattem Magen kann man der Kälte noch trotzen, aber hungrig erliegt man ihr!”

Also beschlossen wir jeder Familie 25 Kilo Reis, das Hauptnahrungsmittel der Afghanen, und 3 Liter Speiseöl zu kommen zu lassen. Unser Ziel war dabei so viele Familien, wie möglich zu erreichen. Bei einem Meeting hat das WFP (World Food Program) angeboten uns beim Transport der Hilfsgüter zu unterstützen. Wir konnten sie davon überzeugen zwei LKWs samt Fahrer und Treibstoff zur Verfügung zu stellen.

Durch die Reduzierung der Transportkosten auf Null erhöhte sich die Anzahl der Familien, an die wir die Nahrungsmittel verteilen konnten. Unser Techniker Faisal Haidari und sein Bruder Hashem schafften es nach harten Verhandlungen mit dem Großhändler einen günstigen Preis zu bekommen. Nach dem harten Wintereinbruch und in Erwartung eines erhöhten Bedarfs, waren die Preise stark gestiegen. Wir kauften 650 Säcke Reis und 650 mal einen drei Liter Kanister Speiseöl, insgesamt 18 Tonnen Grundnahrungsmittel für 650 Familien!

Von der Entscheidung zu helfen bis hin zur Umsetzung brauchten wir nur drei Tage. Am Donnerstagnachmittag konnten wir den dankbaren Bürgermeistern die LKWs mit den Hilfsgütern übergeben und mit ihnen gemeinsam die Lebensmittel an die Familien verteilen. Trotz des harten Winters ist der Iran unerbittlich dabei afghanische Flüchtlinge und illegale Arbeiter abzuschieben, fast täglich kommen Hunderte von afghanischen Familien am iranisch-afghanischen Grenzübergang Islamkale an. Viele der Familien müssen in Zelten untergebracht werden, da sie kein Geld für die Weiterreise in ihre Heimatdörfer haben. In den Bergen sind hunderte Schafe und Ziegen erfroren oder verhungert, da es nicht genug Futter für das Vieh gibt. Die Folgen, die dieser Winter für die Menschen haben wird, sind bisher kaum abzuschätzen und werden sich erst im Frühling in vollem Ausmaß erfassen lassen. Durch die enormen Schneemassen sind wichtige Wege zu medizinischen Einrichtungen abgeschnitten. In den Dörfern gibt es weder Strom noch Geld für Diesel, um den Dorfgenerator für ein paar Stunden anzuwerfen. Es fehlt an Allem, an Kohle, an Heizholz, an Nahrungsmitteln…

Die Kälte hat alles gelähmt. Barfüßig oder in Gummischlappen, hungrig und nur spärlich bekleidet, haben diese Kinder keine Freude an dem scheinbaren Winteridyll!

Weitere Hilfslieferungen sind dringend notwendig!