Beginn der neuen Hebammenschulung

Von Döne Akdas

Das letzte Semester der zweijährigen Hebammen-Schulung hat begonnen. Die 19-Jährige Manege lernt fleißig. Sie stammt aus Farzi, einem der Randdistrikte der Provinz  Herat. Seit Ausbildungsbeginn war sie nur einmal in ihrem Dorf, denn die Heimreise dauert fast 24 Stunden und verläuft hauptsächlich über Schotterpisten. Manege vermisst ihre Eltern, ihre fünf Brüder und ihre Schwester sehr, doch der Zeitaufwand für einen Heimatbesuch sei zu groß, sagt sie.

Dennoch ist die junge Frau sehr glücklich, diesen Kurs besuchen zu können, denn Hebamme ist ihr Traumberuf. In ihrem Dorf werden dringend ausgebildete Geburtshelferinnen benötigt, denn dort gibt es kein Hospital, lediglich eine traditionelle Geburtshelferin in einem Basis-Gesundheitscenter. Die Dorfbewohner haben weder Strom noch richtige Straßen und jede Schwangere riskiert aufgrund dieser schlechten Versorgungslage bei nur geringen Komplikationen ihr Leben und das des Kindes. Mit dem Wissen und Können, das sich Manege während ihrer Zeit in der Herater Geburtsklinik aneignet, wird sie den Frauen in Farzi helfen.

Ihre Kollegin, die 31-Jährige Taibe, stammt aus Gulron. Dort hat sie bereits für Cap Anamur im Distrikt-Hospital als Impferin gearbeitet. Trotz ihrer fünf Kinder hat sie die Gelegenheit zu dieser Ausbildung ergriffen. Die Kinder im Alter von fünf bis 14 Jahren begleiten Taibe und besuchen während der Ausbildung die Schule in Herat. Aufgrund der schwierigen Sicherheitslage und eines ähnlich beschwerlichen Heimwegs wie bei Manege sieht auch Taibe den Rest ihrer Familie nicht oft. Aber wann immer es geht, kommt ihr Ehemann nach Herat.

Alle Schülerinnen nehmen Unannehmlichkeiten auf sich, um die Hebammen-Ausbildung absolvieren zu können. Und alle sind sehr engagiert, denn niemand weiß besser, wie dringend benötigt ihre Hilfe ist. Die Ausbilderinnen loben die Frauen für ihren Fleiß und ihre Geschicklichkeit. Ich selbst konnte die Gruppe bei meinem Besuch der Geburtsklinik im Oktober kennen lernen und habe sie bei ihrer Arbeit erlebt. Sie versorgen eine unglaublich große Anzahl von Patienten. Mir scheint, man sammelt hier in zwei Jahren so viele Erfahrungen wie in 10 Jahren Arbeit in Europa. Knapp einhundert Entbindungen pro Monat, geburtshilfliche Komplikationen aller Art, und leider auch viele tragische Fälle, die wir in Deutschland zum Glück nur aus Lehrbüchern kennen.

Bei der Führung durch die Krankenzimmer begegne ich einer alten Frau, die ich sofort wiedererkenne, sie lebt in Qarabagh, einem Ort in Gulron, und hat die typischen Gesichtstätowierungen der alten Nomadenfrauen. Ihre Enkeltochter hatte eine Fehlgeburt. Das Mädchen mit den kindlichen Gesichtszügen kann höchstens 15 Jahre alt sein. Ihre Oma erzählt, dass sei schon ihre zweite Fehlgeburt. Nach wie vor ist es in Afghanistan ein Makel, wenn eine Frau keine Kinder oder „nur“ Töchter gebären kann. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie dieses kindlich-schöne Gesicht mit den Sommersprossen wohl in zehn Jahren aussehen wird, wenn es schon in diesem Alter die zweite Fehlgeburt hinter sich hat. Wie viel Leid liegt noch vor ihr, wenn sie ihrem Mann keine gesunden Söhne gebären kann…? Doch die Begeisterung mit der unsere Schülerinnen sich ihrer Ausbildung und der großen Verantwortung ihres Berufs stellen, erfüllt mich mit Zuversicht.

Erfolg macht Schule

Aufgrund des erfolgreichen Verlaufs der Hebammenausbildung hat Cap Anamur nun ein ähnliches Projekt für Krankenschwestern begonnen. Am 25. Oktober hat die Auswahlprüfung für den Krankenpflegekurs stattgefunden. Start der Ausbildung ist Anfang des nächsten Jahres. An dem zweijährigen Kurs werden 44 Schülerinnen aus den umliegenden Dörfern teilnehmen. Voraussetzung ist, dass die Bewerberinnen zehn Jahre die Schule besucht haben. An den Prüfungen haben rund hundert Frauen und Mädchen teilgenommen. Im Dezember werden sie über die Prüfungsergebnisse verständigt.

Ziel des Projektes ist, wie bei dem Hebammenkurs, die Qualität der medizinischen Versorgung in entlegenen Dörfern und Randdistrikten zu steigern. Herat ist hier Vorreiter. Bisher hat es diese Ausbildung in der Art noch nicht gegeben, aber es bestehen Pläne, dieses Projekt in andere Provinzen auszuweiten.