„Ich schätze mich glücklich, die Gelegenheit zu haben, anderen zu helfen“

Mariam Jaafar ist seit Mitte 2020 Physiotherapeutin in unserem Projekt im Libanon. Sie berichtet davon, was Sie mit der Arbeit für Cap Anamur verbindet und welche Herausforderungen sie zu bewältigen hat.

In unserer Physiotherapeutischen Praxis in Sidon, im Libanon behandeln wir Kinder mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung. Zwei Physiotherapeutinnen versorgen täglich bis zu 20 Kinder. Mariam Jaafar unterstützt seit August 2020 unser Team als Therapeutin und hat zuletzt mit Mohamad, einem 2jährigen Jungen mit Down Syndrom gearbeitet.

Mariam erzähl uns doch von der Arbeit mit Mohamad?

„Der letzte Patient, der von uns entlassen wurde, ist ein 2-jähriger Junge, namens Mohamad, der am Down Syndrom leidet. Als Mohamad zu uns kam, konnte er kaum krabbeln, er zeigte keine Anzeichen von Gleichgewicht, nicht einmal im Sitzen, er stand manchmal, aber brauchte dafür Unterstützung. In 8 Monaten hat er gelernt, zu laufen, die Treppe hoch und runter zu gehen (indem er sich festhält), auf einem Bein zu stehen (indem er sich festhält) und einen Ball zu schießen. Dabei ist er fast selbstständig geworden.

Das Schwerste war, dass er ein Aufmerksamkeitsdefizit hat und sehr stur ist; das machte es schwer, einem disziplinierten Arbeitsplan zu folgen und war definitiv eine Herausforderung. Er wollte nie machen, was von ihm verlangt war und hatte sehr schnell Langeweile. Deshalb musste ich immer kreativ sein und mir Spiele ausdenken, die den Zweck der Übung erfüllen, wie zum Beispiel Bälle im Raum zu suchen und zu sammeln, gegen seine Mutter um die Wette zu laufen (erst mit dem Rollator und dann allein).“

Was verbindest Du mit der Arbeit für Cap Anamur?

„Es ist definitiv eine Herausforderung. Es ist nie so, dass man einen einheitlichen Behandlungsplan verfolgen kann. Jeder Patient jede Patientin ist anders, auch wenn die gleiche Behinderung diagnostiziert wurde, sind ihre Entwicklung und ihre Reaktion auf die Behandlung vollkommen anders. Man muss sich immer gut vorbereiten und kreativ sein. Was jedoch immer spannend ist, ist die erste Begegnung mit den Jungen und Mädchen. Die meisten waren schon bei so vielen Ärzten und in physiotherapeutischer Behandlung, dass sie schon anfangen zu schreien, wenn sie mich in meinem weißen Arbeitskittel sehen, den sie direkt mit Schmerz verbinden. Es ist dann meine Aufgabe, erstmal eine nette Atmosphäre für sie zu schaffen, in der sie sich wohlfühlen. Das läuft dann auch zum Glück immer gut ab.

Spaß ist auch ein großer Teil der Arbeit. Die Kinder sind immer so süß und lustig, und wir als Kollegen haben alle ein sehr gutes Verhältnis zueinander.

Und natürlich ist die Arbeit an diesem Projekt eine Möglichkeit der eigenen persönlichen Entfaltung.  Mit bedürftigen Menschen zu arbeiten und ihre Geschichten zu hören, wenn sie oft ihre Not ausdrücken, macht mir klar, wie gut ich es eigentlich habe. Man lernt dann die kleinen Dinge im Leben mehr zu schätzen und es wird einem bewusst, wie gut man es selbst hat.“

Kannst du uns von besonderen Momenten in Deiner Arbeit erzählen?

„Mein erster Arbeitstag war ein besonderer Moment. Mein Traum war schon immer, Anteil an einem Hilfsprojekts zu haben. Ich persönlich denke, dass die Würde eines Menschen darin liegt, für andere da zu sein. Deshalb schätze ich mich glücklich, die Gelegenheit zu haben anderen zu helfen, und täglich ein Lächeln auf hoffnungsvollen Gesichtern zu sehen.

Ich fühle mich immer glücklich, wenn ich die ersten Leistungen eines Kindes und seine Entwicklungsfortschritte – die erste Drehung, den Kopf heben, das erste Mal krabbeln, der erste Schritt – mit seinen Eltern erleben darf. Die Freude die man den Eltern ansieht ist unbezahlbar, und man hat das beruhigende Gefühl das nichts von der harten Arbeit umsonst war.

Wenn die Kinder mich anlächeln oder mit mir lachen, oder wenn die Eltern mir sagen, dass ihr Kind ungeduldig gewartet hat, bis es in 2 oder 3 Tagen endlich wieder zu uns kommen kann. Das motiviert mich, mein Bestes zu geben.“