INTERVIEW | „Gänsehautmomente, die Dir keiner nehmen kann“

Seit 15 Jahren arbeitest du als Logistiker für Cap Anamur. Wie kam es dazu?

Es war 1979 und ich steckte mitten im Abitur, doch die Fernsehbilder sehe ich noch vor mir: Die Cap Anamur schipperte die Elbe hoch und die vielen Menschen auf den Deichen sprachen den vietnamesischen Flüchtlingen ihr Willkommen aus. Es war die Zeit von Niedersachsens Ministerpräsident Albrecht, der die politischen Weichen für diese seinerzeit einmalige Aktion gestellt hat. Mich hat das damals sehr berührt und ich habe den Wunsch gefasst, irgendwann für Cap Anamur zu arbeiten. Bis zu meiner Bewerbung sollten noch 23 Jahre vergehen. Doch dann ging es nach einer nur kurzen Bewerbungsphase nach Afghanistan. Bis heute folgten Einsätze in neun weiteren Ländern.

Wie leistet man Hilfe in einem Kriegsgebiet?

Das ist eine ganz besondere Herausforderung, denn es gibt immer verschiedene Gruppen mit stark voneinander abweichenden Interessen. Neutralität zu bewahren, ist wie ein Tanz auf dem Vulkan. Misstrauen und bürokratische Hindernisse werden dir wie große Steine in den Weg gelegt, bevor du die Bedürftigen überhaupt erreichen kannst. Mit der Zeit und der Erfahrung entwickelt man ein eigenes Konzept, um zum Beispiel Straßensperren zu überwinden. Meistens hilft eine klare Ansprache, manchmal Bellen, manchmal Schweigen. Nie hilft Bezahlen – das löst nur weitere Konflikte aus. Wenn du es erst geschafft hast, einen Standort zu installieren, wenn alle Parteien sehen, was du tust, wenn du transparent dein humanitäres Interesse verfolgst, dann steigen auch das Vertrauen, das Ansehen, die Akzeptanz und somit auch die Sicherheit.

Welche Erfahrungen haben dich besonders geprägt?

Die ersten Monate waren hart für mich. Die karge Unterbringung und zahllose Erfahrungen mit Schicksalsschlägen von Minenopfern, schwer kranken und sterbenden Menschen haben mich sehr belastet. Aber im Gegenzug gibt es die unzähligen positiven emotionalen Situationen: das Lachen der Kinder bei der Schuleröffnung, die Tatkraft und der Stolz der Arbeiter auf den Baustellen für das Krankenhaus, die Dankbarkeit der Bevölkerung und die neuen Freundschaften.

Erdbeben, Hurrikans, Überschwemmungen, Tsunamis oder Hungersnöte haben die Gemeinsamkeit, dass sie immer alle betreffen. So entsteht ein gewisser sozialer Zusammenhalt. Meist ist die Anreise schon schwierig, und wenn du angekommen bist, dann sitzt du mit diesen Menschen in einem Boot. Hier wird nicht mehr nach politischer Einstellung, Religion, oder Clan-Zugehörigkeit gefragt. Hier wird geholfen und angepackt. Das sind die Gänsehautmomente, die dir keiner nehmen kann.