Interview mit Faisal Haidari

Am vergangenen Donnerstag wurden in einem entlegenen Berggebiet im Nordosten Afghanistans zehn Leichen von Mitarbeitern der christlichen Hilfsorganisation International Assistance Mission (IAM) aufgefunden. Sie alle wurden von einer Gruppe Männern erschossen und in einem dichten Waldgebiet in der Provinz Badaschan zurückgelassen. Unter den Ermordeten befanden sich sechs US-Amerikaner, eine Britin, zwei Afghanen sowie eine Deutsche. Nur der Fahrer des Teams überlebte den Angriff. Die Taliban bekannten sich kurz nach dem Erscheinen der ersten Medienberichte zu der Tat. Als Begründung erklärte ein Talibansprecher, die Mitarbeiter seien christliche Missionare.

Cap Anamur:
Welche Konsequenten muss man aus diesem Vorfall ziehen?

Faisal Haidari:
Es wäre schlimm, sich nun völlig aus dem Land zurückzuziehen. Die Zivilbevölkerung ist auf unsere Hilfe angewiesen. Man kann nur versuchen, noch vorsichtiger zu sein und sich den Gegebenheiten des Landes so gut es geht anzupassen. Das bedeutet zum Beispiel, niemandem mitzuteilen, wann man wo losfährt oder ankommt. Besonders wichtig ist es, Regelmäßigkeiten zu vermeiden. Und in sehr entlegene Regionen sollte man besser mit einheimischem Personal fahren, das nicht als Personal einer fremden Organisation zu erkennen ist – also keine Aufkleber auf den Autos. Eventuell sogar öffentliche Taxis benutzen.

Cap Anamur:
In welcher Situation befinden sich Mitarbeiter von christlichen aber auch und nicht-religiösen Hilfsorganisationen in Afghanistan?

Faisal Haidari:
Die Sicherheitslage spitzt sich seit Ende 2005 mehr und mehr zu. Ein Menschenleben ist nicht viel wert und die Polizei ist machtlos. Die Korruption zieht sich durch alle staatlichen Institutionen. Jeder ist gefährdet, unabhängig von seiner Nationalität und seiner Religionszugehörigkeit.

Cap Anamur:
Die Taliban haben sich zu der Tat bekannt und den Helfern vorgeworfen, christliche Missionierung zu betreiben.

Faisal Haidari:
In Herat haben wir Mitarbeiter der IAM kennen gelernt: Wir luden sie zu uns nach Gulron ein. Eines ihrer einheimischen Teams hat zwei Wochen lang in unseren Räumen Patienten unentgeltlich untersucht und in unserem OP Operationen durchgeführt, lediglich für die Kosten des Materials. Wir hatten nicht den Eindruck, dass sie in irgendeiner Form versuchen, zu missionieren.

Cap Anamur:
In Medienberichten liest man auch von Zweifeln daran, dass die Taliban für diese Morde verantwortlich sind. Es werden Vermutungen geäußert, dass sie das Geschehen für sich reklamieren, um der  Öffentlichkeit “Erfolge” zu präsentieren.

Faisal Haidari:
Es ist durchaus möglich, dass die Taliban mit einer solchen Behauptung die Sympathien der Islamischen Welt gewinnen möchten. Aber das sind derzeit nur Vermutungen.

Cap Anamur:
Was bedeutet dieser Vorfall für unsere Projektarbeit?

Faisal Haidari:
Wir sind nach Bedrohungen, denen wir selbst schon ausgesetzt waren, sowieso sehr vorsichtig geworden. Im vergangen Jahr wurde einer unserer afghanischen Ärzte entführt. Nur mit viel Glück kam er mit dem Leben davon. Seitdem müssen wir gewisse Regionen meiden. Um dennoch Hilfe in diese entlegenen Gebiete zu bringen, haben wir ein Ausbildungsprogramm für einheimische Frauen aus weit von den Städten entfernten Orten ins Leben gerufen. Sie werden zu Hebammen geschult und kehren anschließend mit ihrem Fachwissen zurück in ihre Dörfer. Vor Kurzem haben wir ein ähnliches Projekt für weibliche Pflegekräfte begonnen. Auch hier kommen die Frauen aus entlegenden, gefährdeten und medizinisch unterversorgten Regionen. Außerdem planen wir den Bau einer Klinik in der Umgebung von Herat. Das Grundstück wurde uns bereits zur Verfügung gestellt. Die ersten Verhandlungen mit den Baufirmen habe ich letzten Monat vor Ort geführt. Wir haben nicht vor, die afghanische Zivilbevölkerung ihrem Schicksal zu überlassen.

Faisal Haidari

Der 34-Jährige kennt Afghanistan sehr gut. Er ist in Herat geboren und hat viele Jahre in Kabul gelebt. Heute lebt Faisal Haidari in Deutschland. Im Jahr 2001 begann er, für Cap Anamur zu arbeiten. Er leitet seit Jahren immer wieder Projekte vor Ort und ist erst vor zwei Wochen von einem aktuellen Afghanistaneinsatz zurückgekehrt. Seine nächste Projektreise wird er im September antreten.