Friedensarbeit in Shangilia

Die letzten Wochen in Kenia waren für alle Menschen sehr turbulent und mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Viele haben ihr Zuhause verloren, sind nun Flüchtlinge im eigenen Land. Sie sind Opfer oder Zeugen von Gewalt geworden und sehen sich einem, in dieser Form vorher nicht existenten ethnischen Konflikt gegenüber. Die Sicherheitslage ist trotz der andauernden Verhandlungen nicht stabil. Es zeichnet sich immer mehr ab, dass die derzeitigen Konflikte weniger mit Politik als mit einer bislang unterschwelligen Frustration, mit Armut und sozialen Spannungen zu tun haben. In Nairobi sind speziell die Menschen in den Slums betroffen.

Daher sind die Auswirkungen des landesweiten Konflikts auch in unserem Projekt Shangilia zu spüren. Sie stellen eine extreme Herausforderung für das Projekt dar. Viele Kinder waren über die Weihnachtszeit und damit auch während der Zeit der Wahlen bei ihren Familien. Viele haben Gewalttaten und Vertreibung erlebt. Sie haben Bilder und Eindrücke mitgebracht, die ihr Weltbild und ihre Gefühle stark verändert und beeinflusst haben. Bis heute können einige Kinder nicht die Schulen besuchen, auf die sie bis dahin gegangen sind, da sie für die Region, in der die Schulen liegen, die „falsche“ ethnische Zugehörigkeit haben oder da sie auf dem Schulweg durch eine Region fahren müssen, die für sie nicht mehr sicher ist. Einige Kinder mussten unter dem Schutz des Militärs von den Schulen nach Nairobi eskortiert worden. Wir sind immer noch damit beschäftigt andere Schulen zu finden.

Unsere Mitarbeiter, die in der Nähe des Projektes und damit in einem der Slumgebiete Nairobis wohnen, sind aus ihren Häusern vertrieben worden. Sie haben oft ihre gesamte Habe verloren und leben in Notunterkünften. Das Land scheidet sich entlang ethnischer Linien und stellt die Einwohner, die lange friedlich miteinander gelebt haben, vor ungekannte Herausforderungen. Alle Menschen hier verfolgen gespannt die politischen Verhandlungen und hoffen, dass sich die Situation wieder beruhigt und Kenia zum Frieden zurückfindet.

Wir in Shangilia haben beschlossen, unseren eigenen Beitrag zum Frieden zu leisten. Wir sind dabei, ein vielschichtiges Programm zu entwickeln, um im Projekt mit allen Kindern und Mitarbeitern an der derzeitigen Situation zu arbeiten, einen Weg zu finden, mit den Spannungen umzugehen. Es geht darum Vorurteile auszuräumen und einen respektvollen und friedlichen Umgang miteinander zu wahren.

Als ersten Schritt werden sich alle Angestellten in Kleingruppen treffen. Es geht uns darum herauszufinden, wie die Mitarbeiter die derzeitige Situation erleben. Wir wollen ein Forum bieten, das den Mitarbeitern ermöglicht auszusprechen, was sie privat, aber auch im Rahmen der Arbeit bewegt. Es ist in dieser Zeit von großer Bedeutung, in einen Dialog miteinander zu treten und Probleme anzusprechen. Gleichzeitig ist zu überlegen, wie Menschen trotz unterschiedlicher politischer Ansichten miteinander leben und arbeiten. Und vor allem wie sie ein Vorbild für die Kinder sein können, aufbauend auf Offenheit und gegenseitigem Verständnis. Wenn wir als Erwachsene einen gemeinsamen Weg gefunden haben, „eine Sprache sprechen“, können wir eine gemeinsame Vision, ein Konzept für Shangilia entwickeln, auf das wir hinarbeiten und diese Gedanken auch an die Kinder weitergeben. Unser Ziel ist es, unsere Möglichkeiten voll auszuschöpfen und uns bewusst zu machen, dass wir innerhalb des Projektes die Chance und das Potential haben.

Als Sofortmaßnahme werden wir mit den Kindern das Thema Frieden und Konflikte in verschiedenen Unterrichtsfächern behandeln. Im Religionsunterricht werden primär Texte und Geschichten zum Thema Frieden gelesen. In Geschichte befassen wir uns mit Beispielen, in denen Konflikte gewaltfrei gelöst worden sind, dazu schauen wir nach Indien und Südafrika. In Geografie widmen wir uns der demographischen Zusammensetzung des Landes, mit den lokalen Unterschieden, mit der Bedeutung von Kenia als Nation und der ethnischen Zugehörigkeit als Teil der Identität.

Wir nutzen die Akrobatik um zu verdeutlichen, dass Gemeinsamkeit mehr bedeutet als ethnische Zugehörigkeit. Wenn die Kinder gemeinsam eine Pyramide bilden, geht es nicht darum, woher die anderen Kinder kommen, es geht um Vertrauen, um ein Miteinander, um ein gemeinsames Projekt.

Weiterhin werden wir klassenweise evaluieren, was die Kinder bewegt, welche Fragen sie in sich tragen, welche Ängste sie haben, was sie sich wünschen. Diese Informationen werden unsere Arbeitsgrundlagen sein und uns die Möglichkeit geben, den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden.