Laufen lernen

Bei Nebel wirkt der Anblick auf die marode Hüttenlandschaft von Susan-Bay besonders traurig. Es ist einer der zahllosen Slums von Freetown. Der schmale vom Regen überflutete Weg führt die Cap-Anamur-Sozialarbeiterin Ruth Zemedebrhan und ihren sierra-leonischen Kollegen Jonathan zwischen Wellblechhütten hindurch. Es erfordert etwas Geschick, den tiefen Pfützen auszuweichen. Dann, endlich, erreichen die beiden ihr Ziel: Doch in der acht Quadratmeter großen Hütte wohnt nun jemand anderes. Damals lebte hier die Familie von Samuel, dem 13jährigen Jungen, den unser Team nachts zuvor auf der Straße aufgegabelt und in das neue Cap-Anamur-Straßenkinderheim aufgenommen hat.

„Unsere ersten nächtlichen Touren durch das Stadtzentrum waren erschreckend“, schildert Ruth Zemedebrhan. Die Stuttgarter Streetworkerin ist im Juli nach Freetown, die Hauptstadt Sierra Leones gezogen, um das Projekt vor Ort zu koordinieren. „Es war stockdunkel und die sonst überfüllten Straßen fast leer, einige Jugendliche stromerten herum, in zerfetzter Kleidung, manche ohne Schuhe, betrunken oder unter Drogeneinfluss, und ohne jegliche Perspektive. Wir sprachen sie an und weckten jene, die hinter selbst konstruierten Bretterverschlägen einen Schlafplatz gefunden hatten. ‚Was ist mit dir passiert? Warum lebst du auf der Straße?‘ – so oder so ähnlich beginnt die Unterhaltung. Die wichtigste Frage der Nacht: ‚Bist du bereit, die Straße zu verlassen?‘ Kinder, die mit Ja antworten, laden wir zu uns ein. Fast alle stehen am nächsten Morgen vor den Toren des Pikin Paddy Centers in der Hagan Street. Darunter auch Samuel“, berichtet die 31-Jährige.

Endlich den Schmutz vieler Wochen abduschen, sich satt essen ohne betteln zu müssen und in einem frischen Bett schlafen! Zwei Wochen bleibt Samuel. „Alle Kinder können, wenn sie wollen, unser Haus wieder verlassen. Wir müssen ihnen also glaubhaft etwas Besseres für die Zukunft vermitteln“, so Ruth Zemedebrhan. „Doch Samuels Vertrauen wächst schnell, denn es geht uns um sein Wohl. So erfuhren wir, dass seine Mutter gestorben war. Zurück zu seinem gewalttätigen Vater konnte er nicht. Aber sein erwachsener Bruder, den wir nach einiger Recherche ausfindig machen konnten, nahm Samuel gern auf. Allerdings reicht sein Einkommen kaum für ihn allein, deswegen kommt Samuel regelmäßig zum Essen ins Pikin Paddy, was übersetzt so viel bedeutet wie „Freund der Kinder“. In den kommenden Wochen war Samuel – zur großen Freude unseres Teams – bei allen unangekündigten Besuchen zu Hause. Und auch die Schule besucht er nun endlich wieder. Dafür hatte zuvor das Geld gefehlt. Nun hilft Cap Anamur mit Schulgebühr, -uniform und -büchern aus.

Hintergrund:

Nach langem Bürgerkrieg leben fast drei Viertel der Sierra Leoner unterhalb der Armutsgrenze. Allein in Freetown gibt es schätzungsweise 2.000 Straßenkinder. Unser Team unterstützt Kinder und Jugendlichen bei ihren Zukunftsplänen: Die Sozialarbeiter vermitteln zwischen ihnen und ihren Familien, helfen ihnen bei der Wiedereingliederung die Schule, führen Beratungs- und Schlichtungsgespräche und, eine der wichtigsten Aufgaben, sie hören den Kindern zu.