Neues Projekt für syrische Flüchtlinge

Offiziell leben 4,3 Millionen Libanesen in ihrem Geburtsland, das noch nicht einmal halb so viel Fläche hat wie Bayern. Darüber hinaus leben seit mehr als 60 Jahren eine halbe Million Palästinenser in ihren Camps – und nun, seit einigen Jahren, auch syrische Flüchtlinge. Genaue Zahlen, wie viele es sind, gibt es nicht. Doch zu den rund 1,2 Millionen offiziell registrierte Syrern kommt eine Dunkelziffer von bis zu 500.000. Das bedeutet, etwa die Hälfte der derzeitigen Population besteht aus Flüchtlingen.

„Es ist erstaunlich, wie dieses kleine präsidentenlose Land diese großen Probleme stemmt“, berichtet Volker Rath, unser Logistiker vor Ort. „Ein Land, das momentan nur über den Flughafen in Beirut zu erreichen und zu verlassen ist, denn die südliche Grenze zum Erzfeind Israel ist geschlossen und die östliche und nördliche Seite führt in das kriegsumkämpfte Syrien.“

An der Grenze der Belastbarkeit

Selbstverständlich sind die Auswirkungen dieser Situation vielerorts spürbar: Die gesamte Logistik des Landes arbeitet an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Die Müllbeseitigung kann wegen mangelnder Fahrzeuge beziehungsweise Instandhaltung die Mengen nicht mehr transportieren, die Wasserversorgung ist knapp, Strom wird überwiegend über private Generatoren produziert und die Kapazitäten in den Gesundheitsstationen, Krankenhäusern und Schulen reichen bei Weitem nicht aus.

Insbesondere in den sozialen Bereichen mangelt es an Fachpersonal. Hinzu kommt, dass durch die Vielzahl der jetzt zur Verfügung stehenden Tagesarbeiter der Lohn enorm gesunken ist: Hat ein syrischer Wanderarbeiter vor zehn Jahren noch 18 US-Dollar am Tag verdient, bekommt er heute nur noch knappe sieben US-Dollar. Dieser Verfall ist nicht nur mit dem Überangebot an ungelernten Arbeitskräften, sondern auch mit den abgeschnittenen Transportwegen durch Syrien zu begründen. Denn der Export libanesischer Güter über die Straßenwege steht faktisch still.

Siedlungen übers Land verstreut

Ein Großteil der syrischen Flüchtlinge lebt in der Bekaa-Ebene, einer Hochebene im Osten des Landes. Andre ziehen es vor, sich irgendwo im Land eine zumeist schlecht bezahlte Arbeit zu suchen, um ihre Familien versorgen zu können. Gemeinsam ist ihnen der Wunsch, möglichst bald wieder zurück in ihr Heimatland kehren zu können.

Zudem gibt es unzählige sogenannte settlements, Siedlungen, die über das ganze Land verteilt sind und meist an den Stadträndern liegen. „Hier leben bis zu 200 Familien, an anderer Stelle sind es nur fünf“, beschreibt Volker Rath die Situation. „Einige dieser Menschen wohnen in nicht fertig gestellten Rohbauten, andere in Zelten oder Hütten. Manche von ihnen zahlen Mieten zwischen 100 und 200 US-Dollar an die libanesischen Eigentümer, bei anderen springt das Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) ein. Einige Siedlungen werden von mobilen Kliniken besucht, andere nicht. Manchmal gibt es Verpflegungsrationen oder Hygiene-Kits von Hilfsorganisationen, öfters jedoch nicht. Einige Männer und leider auch Kinder haben manchmal eine Arbeit, die meisten aber nicht.“

Hilfe reicht nicht aus

Dennoch scheint auf den ersten Blick die Hilfe für die syrischen Flüchtlinge relativ gut organisiert zu sein. In vielen Gesundheitseinrichtungen gibt es eine international organisierte finanzielle Unterstützung. Durch die UNHCR-Krankenversicherung sind in der Regel die schweren medizinischen Fälle versorgt und es gibt ein offizielles Ausbildungsprogramm für syrische Kinder an den Nachmittagen. Das Problem: Die Kapazitäten reichen nicht aus. Außerdem gibt es sehr, sehr viele Menschen, denen schlicht das Geld für den Transport zu den Hospitälern oder Schulen fehlt. Ein öffentlich organisiertes Transportwesen gibt es in diesem Land nicht und vor allem: Diese Menschen sind nicht ausreichend informiert oder können sich nicht durchsetzen, um diese Hilfen in Anspruch zu nehmen.

Genau an diesem Punkt setzt unser neues Projekt im Libanon an: Wir sorgen dafür, dass diese Menschen die gebotene Hilfe auch in Anspruch nehmen können.

Unser Projekt im Libanon

Im Großraum um Sidon, der viertgrößten Stadt des Landes, gibt es sehr viele der beschriebenen Siedlungen. Der prozentuale Anteil der Flüchtlinge liegt in dieser Region im Süden des Libanons bei über 50 Prozent. Denn viele Syrer sind bereits vor etlichen Jahren wegen der zahlreichen Obst- und Gemüseplantagen hierhergekommen. Mit Ausbruch des Krieges sind mehr und mehr von ihnen geblieben und haben ihre Familien nachgeholt. Aufgrund der hohen Anzahl der Hilfesuchenden ist der Arbeitsmarkt mit Arbeitern überflutet worden. Dementsprechend ist die dortige Wohnsituation katastrophal. Es fehlt an allem.

So haben wir im ersten Schritt Siedlungen identifiziert, die keine oder nur selten Hilfe erhalten haben. „Wir werden vor Ort für die Menschen da sein, sie nicht verwalten“, sagt Volker Rath. „Wir organisieren den Transport in die medizinischen Einrichtungen, in das Labor, manchmal in die Krankenhäuser. Wir reichen den Menschen unsere Hand und verhandeln mit den Ärzten und Verwaltungen, wenn es um Eingriffe geht, die von der UNHCR-Versicherung abgedeckt sein sollten. Wir helfen den Menschen, nicht abgewiesen zu werden und versuchen diese unerträgliche Situation etwas erträglicher zu gestalten.“

Momentan ermöglichen wir monatlich rund 1.000 ärztliche Konsultationen sowie die dann erforderlichen Zusatzleistungen, medizinischen Behandlungen und notwendigen Medikamente für die Syrer, Palästinenser und auch für die sozial schwache libanesische Bevölkerung. Das gelingt und mit einem sehr geringen Personalaufwand: Unser lokales Team besteht derzeit aus drei Mitarbeitern. Darüber hinaus organisieren wir kleine Reparaturen in den Siedlungen. Dabei geht es meist um Wasserpumpen oder Geräte für die Müllbeseitigung, um die hygienische Situation zu verbessern und Krankheiten vorzubeugen.

Bemerkenswert an diesem Land ist die historisch gewachsene, gegenseitige religiöse Akzeptanz und die Gelassenheit aller Menschen, diese schwierige Situation so gut wie möglich zu bewältigen.

Wir bitten Sie, uns bei diesem Projekt zu unterstützen. Jede Spende hilft.