Eine besondere Herausforderung

Von Regine Hemmeter

Eine besondere Herausforderung

Die Behandlung von psychisch erkrankten Menschen ist niemals einfach. Umso schwieriger gestaltet sie sich in einem Land wie Liberia, das 17 Jahre blutigen Bürgerkrieg hinter sich hat. Sechs Jahre nach dem Ende der Kämpfe leiden tausende Menschen unter kriegsbedingten Stressneurosen. Viele von ihnen haben Drogenprobleme und kommen mit ihrem Alltag nicht mehr zurecht. Zu den Opfern des Krieges kommen diejenigen, die an Schizophrenie, Psychosen, Neurosen und anderen psychischen Erkrankungen leiden.

Sie alle finden hier allerdings wenig Beachtung. Das Land hat mit seinem mangelhaften Gesundheitssystem, dem unzureichenden Bildungswesen und der Korruption andere Probleme zu bewältigen. Erschwerend hinzu kommt die sehr traditionelle Sichtweise dieser Erkrankungen: Die Betroffenen gelten als von Dämonen besessen. Dementsprechend wird versucht, diese Geister mit Hilfe von Heilern oder kirchlichen Exorzismen „auszutreiben“.

Uns Cap-Anamur-Mitarbeitern stellt sich die Aufgabe, die einzige Psychiatrie des Landes zu betreiben und weiterzuentwickeln. Im „E.S. Grant Mental Health Hospital“ in der Nähe von Monrovia behandeln wir derzeit rund 80 psychisch erkrankte Menschen stationär. Zudem unterhalten wir eine Ambulanz mit etwa 250 Patienten sowie eine zusätzliche Ambulanz speziell für Epileptiker, mit eben so vielen Patienten. Denn auch Epilepsie wird in Liberia als ein von Dämonen verursachter Zustand angesehen.


Opfer des Krieges

Meist werden unsere Patienten von ihren Angehörigen ins Krankenhaus gebracht. Manche aber bringt uns die Polizei, sie sind in Ketten gelegt. Einige stammen aus dem Zentralgefängnis in Monrovia, das vollkommen überfordert mit den psychisch kranken Straftätern ist. Nach einer Voruntersuchung durch das medizinisch geschulte Personal wird eine vorläufige Therapie für den Patienten festgelegt. In unseren Teamtreffen wird die Behandlung einmal wöchentlich überprüft. Im Rahmen der Entlassung werden dann auch die Angehörigen eingebunden: Sofern es notwendig ist, sind sie angehalten, auf die regelmäßige Medikamenteneinnahme zu achten und den Patienten zu den Ambulanzterminen zu bringen.

Neben der alltäglichen Arbeit mit unseren Patienten spielt die Aus- und Fortbildung des einheimischen Personals eine entscheidende Rolle, da es in ganz Liberia nach dem Krieg keine qualifizierten Psychiatriepfleger gab. Deswegen nimmt das Personal aller Bereiche an Workshops teil. Hier lernen sie unter anderem, wie man mit Aggressionen umgeht. Dabei darf nie vergessen werden, dass auch diese Menschen den Krieg miterleben mussten.


Die Geschichte von Sam

Die Geschichte von Sam ist so typisch, dass man sie stellvertretend für viele Patienten des „E.S. Grant Mental Health Hospitals“ erzählen kann. Der 31-Jährige kam an einem Samstagnachmittag in unser Krankenhaus – eskortiert von vier Polizisten. Seine Hände und Füße waren in Ketten gelegt. Er wehrte sich verzweifelt gegen seine Fesseln, konnte aber nicht entkommen. Sein gesamter  Körper war übersät von Narben. Er schrie, dass er nicht hier bleiben wolle und drohte Gewalt an.

Bei dem Aufnahmegespräch stellte sich dann heraus, dass der Mann ein ehemaliger Kämpfer war, der seit Jahren Drogen nahm. Ein Großteil des Personals kannte ihn bereits, denn Sam wurde schon das sechste Mal in die Aufnahme gebracht. Zuvor hatte er jedes Mal seine Medikamente nicht mehr regelmäßig eingenommen und wieder zu Drogen gegriffen.

In der Vergangenheit hatten Sams Eltern ihn mehrfach zu traditionellen Heilern und kirchlichen Exorzismen gebracht. Davon zeugten auch die Narben auf seinem Körper. Erst als man ihn auch mit schwerer Gewalt nicht mehr unter Kontrolle bringen konnte, kam er in unser Krankenhaus. Es war nicht leicht herauszufinden, was Sam widerfahren war. Aber er flehte das Personal an, nicht mehr zurück in seine Gemeinde gebracht zu werden.


Fehlende Aufklärung

Nach einigen Tagen hatte sich seine Aggressivität gelegt. Die Medikamente schlugen gut an. Danach führten wir zahlreiche Gespräche, in denen es in erster Linie um seine Vergangenheit als Kämpfer und seinen Drogenkonsum ging. Auch seine Angehörigen wurden zu den Gesprächen eingeladen. Denn hier konnten wir ihnen verdeutlichen, dass Sams Verhalten in seiner Erkrankung und nicht in einer dämonischen Besessenheit begründet liegt.

Nach ein paar Wochen konnte Sam wieder zu seiner Familie zurück. Er hat einen Aushilfsjob in einer Schreinerei gefunden und kommt regelmäßig in unsere Ambulanz. Allerdings ist es für ihn und seine Angehörigen schwierig, in ihrer alten Gemeinde zu leben, weil dort wenig bis keine Aufklärung über den Zusammenhang zwischen Aggressivität und psychischen Erkrankungen stattfindet.

Was das Feld der Psychiatrie betrifft, hat Liberia noch einen langen Weg vor sich. Wir sind froh, mit Cap Anamur zumindest ein Stück davon mitgestalten zu können. Erwähnenswert ist dabei der besondere Einsatz von Rainer Merkel, der maßgeblich an der „Mental Health Policy for Liberia“ beteiligt war. Sie zeigt eine neue Perspektive im Umgang mit psychisch kranken Menschen in Liberia auf.