Arbeiten unter besonderen Bedingungen

Unser erster Einsatz in Nordkorea begann 1997. Auslöser war eine große Hungerkatastrophe, im Land als „beschwerlicher Marsch“ bezeichnet. In den darauffolgenden fünf Jahren haben wir zahlreiche Projekte umgesetzt: Wir haben mehrere Krankenhäuser mit Medikamenten und technischen Geräten unterstützt und Nahrungsmittel sowie Kohle zum Heizen an bedürftige Menschen verteilt. Schon damals war die Arbeit in dem ostasiatischen Staat sehr kompliziert. Leider halfen hier auch die umfassenden Erfahrungen aus unseren anderen Projekten nicht – die starren Regeln der nordkoreanischen Behörden ließen unserem Team kaum Bewegungsfreiheit. Unsere Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen, die wir im Jahr 2002 stellten, liefen ins Leere. Und so sahen wir uns trotz der großen Not, die in weiten Teilen der Bevölkerung herrscht, gezwungen, das Land zu verlassen.

Rund neun Jahre später, Anfang 2011, kam die nordkoreanische Botschaft erneut auf uns zu und bat Cap Anamur um Nothilfe. Unser Geschäftsführer Bernd Göken flog kurzfristig ins Land, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Seine Reise führte durch die Orte Haeju, Sinwon, Jaeryong und Anju. Er besuchte einige Waisenhäuser, in denen die Kinder zum Teil in einem erbärmlichen Gesundheitszustand waren – apathisch und schwer unter- beziehungsweise mangelernährt. Das gleiche traurige Bild bot sich in einigen Krankenhäusern und Privatwohnungen. Aufgrund dieser dramatischen Lage entschied Cap Anamur Soforthilfe in Form einer 200 Tonnen großen Reis-Lieferung zu leisten. Im August sendeten wir eine weitere Ladung von 800 Tonnen Reis, 200 Tonnen Bohnen sowie Öl und anderen Lebensmitteln. Alle Verteilungen fanden unter Aufsicht unser deutschen Mitarbeiter statt, um sicher zu stellen, dass die Güter bei den Hilfsbedürftigen ankamen.

Parallel wurde in zahlreichen Gesprächen eine Fortsetzung der Kooperation für das folgende Jahr festgelegt: In 2012 sollte es hauptsächlich um medizinische Hilfe für die Kinderklinik und die sogenannte Klinik Nummer 1 in Haeju gehen. Beide Einrichtungen haben etwa 250 Betten. In einem Transport wurden Hilfsgüter geliefert. Darunter wichtige Medikamente und technische Geräte. Anders als in den Jahren zuvor durften wir medizinisches Personal für mehrere Monate in die beiden Krankenhäuser schicken. Und so konnten eine Ärztin aus der Inneren Medizin sowie eine aus der Pädiatrie direkt am Patienten arbeiten. Unsere Medizinerinnen schulten die einheimischen Kollegen und arbeiteten eng mit ihnen zusammen.

Zum Jahresende besuchte ein weiterer Mitarbeiter Nordkorea, um die Planungen für 2013 vor Ort zu besprechen. Doch dann wurden die Bedingungen für eine Zusammenarbeit ohne ersichtlichen Grund wieder komplizierter: Sogar die Verlängerung unserer 30-Tage-Visa wurde abgelehnt. Und so musste unser Team für einen dreiwöchigen Zeitraum ausreisen, um dann erneut bei der Ankunft eines verspäteten Hilfsgütertransports wieder vor Ort sein zu dürfen. Die Kontrolle der Verteilung war uns ein sehr wichtiges Anliegen und auf diese Weise konnten wir trotz der Umstände wieder einreisen und alle Medikamente sowie das medizinische Equipment eigenhändig an die beiden Hospitäler verteilen.

Dennoch, diese Entwicklung war enttäuschend. Deshalb fuhr Bernd Göken im Januar 2014 erneut zu Gesprächen nach Nordkorea. Die Situation war erschütternd: Im Winter waren fast alle Kliniken geschlossen, weil nicht geheizt werden konnte. Das Leben in Nordkorea ist bei Temperaturen unter  minus zehn Grad sehr hart, denn Heizen kann hier kaum jemand. Die meisten haben nur dünne Decken und kaum ausreichend Nahrung. Mit diesen Eindrücken war es uns umso wichtiger, einen Weg für eine bessere Zusammenarbeit zu finden.

Der Wunsch der Behörden, lediglich Hilfsgüter abzuliefern, war für uns nie eine Option. Nicht zuletzt aufgrund der Verantwortung unseren Spendern gegenüber, wollen wir garantieren können, dass die Hilfe bei den Betroffenen ankommt. Zunächst schienen unsere Gesprächspartner auf der nordkoreanischen Seite unsere Bedingungen zu akzeptieren und so wurde eine erneute Kooperation für 2014 vereinbart, auf Basis der guten Zusammenarbeit in 2012. Zusätzlich wurde ein Schulungsprogramm für Chirurgen unter der Mitarbeit unseres Fördermitglieds Prof. Benno Ure von der Medizinischen Hochschule Hannover vereinbart. Für eines der Waisenhäuser wurde ein Pilotprojekt für eine solarbetriebene Warmwasseranlage angeschoben. Doch während des Besuchs des ersten Chirurgen in Mai 2014 kam es leider nicht zu der vereinbarten Zusammenarbeit. Die Unstimmigkeiten ließen sich vor Ort leider nicht klären.

Unser bisher letzter Besuch war im Oktober des vergangenen Jahres. Erneut, um Gespräche zu führen. Und um eine zuvor gelieferte Röntgenanlage zu reparieren, die mittlerweile einen Defekt hatte. Trotz aller Bemühungen konnte leider keine Vereinbarung getroffen werden: Für die Fortsetzung unserer Arbeit in Haeju wurde uns eine Absage erteilt. Es war uns auch nicht gestattet, die Projektorte der letzten Jahre zu besuchen. Die einzige Möglichkeit, weiterhin in Nordkorea zu arbeiten, sei ein völlig neues Projekt in einer anderen Region zu starten. Doch das erschien uns als zu ungewiss. Zumindest konnte die Röntgenanlage durch unsere Reparatur wieder in Betrieb genommen werden.

Wir haben uns entschieden, unsere Bemühungen vorerst auf Eis zu legen und auf das Entgegenkommen der nordkoreanischen Seite zu warten. Ganz aufgegeben haben wir die Hoffnung auf eine Zusammenarbeit noch nicht. Dafür benötigen die Menschen unsere Hilfe zu sehr. Ende März erst sprach Nordkorea erneut von einem beschwerlichen Marsch, den es zu absolvieren gelte. Diese Formulierung deutet auf großen wirtschaftlichen Druck hin, denn schon während der schwierigen Wirtschaftslage 1994 forderte das Land unter Verwendung dieser Begrifflichkeit große Opferbereitschaft von seinem Volk ein.