Schlafsaal für Maasai-Mädchen

Es ist nur ein ganz gewöhnlicher Schlafsaal mit 40 Metallbetten, zwei Duschen und Toiletten und einem Raum für die Betreuerin, die ein Auge auf alles hat. Aber für 40 Mädchen der Ilparakuo Schule unweit des Magadi Sees in Kenia ist eben dieser Raum die Chance auf ein ungeahntes und bisher nicht vorstellbares neues Leben. Ohne diesen Raum dürften die Schülerinnen der Klassen 6 – 8 die Grundschule nicht beenden.

Zuerst haben wir nicht verstanden, warum dieser Schlafsaal so dringend notwendig war, weil Ilparakuo doch eine Ganztagsschule und kein Internat ist. Ein bisschen Nachhilfeunterricht in Maasai-Mentalität hat uns dann auf die Sprünge geholfen: In den letzten drei Jahren vor dem Schulabschluss bekommen die Kinder zusätzlichen Abend-Unterricht, damit sie die zentrale Abschlussprüfung schaffen. Dazu büffeln die jungen Maasai beim Schein von Solar-Lampen, um den gewaltigen Rückstand zu überbrücken, den sie gegenüber Stadtkindern haben. Denn außer Steinen und Dornengestrüpp, Ziegen und Kühen haben sie  in ihrem Leben nicht viel gesehen. Da die Sonne regelmäßig um sechs Uhr untergeht, müssen sie sich im Dunkeln auf den Heimweg machen – und da sind die Mädchen den Attacken von Maasai ausgesetzt, die sich auf traditionelle Rechte berufen. Kein Wunder, dass die Väter, die ihren Töchtern ohnehin nur widerwillig den Schulbesuch erlauben, den Zusatzunterricht rundweg ablehnen und ihnen damit den Schulabschluss verbauen.

Noch bevor der Schlafsaal im letzten Herbst bezogen wurde, hatten schon neun Mädchen darin Unterschlupf gefunden, bewacht von ein paar aufgebrachten, furchtlosen Maasaifrauen. Die neun waren nämlich von ihren Vätern von der Schulbank weg in die Ehe mit alten Männern verkauft worden. Der Kuhhandel wurde im letzten Augenblick gestoppt. Seit es den Schlafsaal gibt, können sich Lehrer, Schülerinnen und die beherzten unter den Maasaifrauen gegen die ihrer Willkür engstirnigen Männer wehren.