Serbien: Das Behindertenheim in Kulina

Kulina liegt etwa 40 km von der Stadt Nis entfernt. Für die Strecke benötigt man etwa 40 Minuten, wobei man ein kleines Dorf durchquert, in dem es ein paar Einkaufsmöglichkeiten und eine Tankstelle ohne Diesel gibt. Eine unbefestigte Straße führt zu dem Behindertenheim, das früher ein Freizeitzentrum gewesen sein soll. Idyllisch im Wald gelegen war die Lage dafür ideal. Für die Behinderten und die Betreuer liegt es zu weit ab vom Schuß – mit schlechten Busverbindungen zur Stadt. Das Heim verfügt über einen klapprigen Bus, der die Leute zur Arbeit und dann auch wieder wegbringt.

Die äußeren Anlagen

Das gesamte Heim besteht aus 8 Gebäuden, die sich in unterschiedlichem Zustand befinden.

Das Wirtschaftsgebäude hat drei Gebäudeteile, wobei in einem die hauseigene Mechanikerwerkstatt untergebracht ist. Hier wird der Bus notdürftig mit Ersatzteilen aus alten Autos repariert. Der Busfahrer repariert auch die Ambulanz, die frisch gestrichen war, damit mit dieser notfalls Heimbewohner in das Krankenhaus nach Nis gefahren werden können.

Ebenfalls verfügt das Gebäude über eine Werkstatt mit einer Schreinerei und neuwertigen Geräten, die auf ihren Einsatz warten.

Die Schweinezucht, hier geht es immerhin um 200 Schweine, reicht für die Versorgung sowohl der Heimbewohner als auch der des Personals. Und für Hühner müssen erst gekauft werden, damit man auch hier auf eine eigene Eierproduktion zurückgreifen kann.

In dem Personalwohnheim ist das Personal mit den eigenen Familien untergebracht. Dieses Gebäude ist bereits teilrenoviert. Ein anderes danebenliegendes Gebäude ist für schwerstbehinderte Kinder gedacht sowie das Dachgeschoß für Personal und weitgehend selbständige Behinderte. In einem weiteren Gebäude, das funktions- und zweckmäßig eingerichtet ist, befindet sich die Verwaltung.

Das Männerhaus, in dem 70 Männer wohnen, ist vom THW renoviert worden. Das heißt, daß neue Heizungen installiert wurden, Duschen und Toiletten erneuert wurden und alles frisch gereinigt und gestrichen ist.

Im Keller lagern zur Zeit noch Hilfsgüter, die aber nach und nach gesichtet werden sollen und dann entsprechende Verwendung finden.

Das Zentralgebäude wird ebenfalls vom THW renoviert. Hier gibt es einen Raum mit 40 Betten, der durch Einbauschränke geteilt werden soll. Im Keller ist ein funktionierender Kühlraum vorhanden, so Fleisch, frisches Obst und Gemüse gelagert wird. Hier werden Regale installiert, um ein übersichtliches System zu schaffen. Das gilt im übrigen für das gesamte Warenlager, das sich hinter dem Männergebäude befindet.

Das Kinder- und Frauenhaus kann als Glanzstück bezeichnet werden. Ein großes renoviertes Gebäude, freundlich, hell und warm. Zur Zeit überfüllt, da die zwei anderen Gebäude durch die laufende Renovierung leer stehen.

Hier muß lediglich im Keller etwas passieren. Von 13 Waschmaschinen funktionieren nur 3 mit kaltem Wasser. Hier ist dringend Abhilfe nötig.

Das Küchengebäude ist groß und noch nicht so alt. Die Küche wurde von der Regierung renoviert. Der Generator im Untergeschoß reicht bei Stromausfall nicht aus. Neue Waschmaschinen sind bereits durch die ständigen Stromschwankungen kaputt. Nach Abschluß der Renovierungen muß für die Wäscherei eine dauerhafte Lösung gefunden werden.

Über den Funktionsräumen befinden sich die Ambulanz mit Apotheke, Röntgen, Arztzimmer, Untersuchungszimmer und andere Arbeitsräume. Von dort gibt es einen Zugang in einen Schlafbereich. Immerhin schlafen dort nicht mehr 4(!) Personen in einem Bett, sondern nur noch zwei. Aber diese Situation wird sich auch noch verbessern, wenn die Renovierung fertiggestellt ist.

Hinter dem Haus sollen auf der Außenanlage Spielplätze entstehen, die für Rollstuhlfahrer zugänglich sein müssen.

Werkstätten für Handwerker, eine Näherei mit einem Näher – all das ist vorhanden. Hier bestehen Möglichkeiten, die weniger behinderten Menschen mit in die tägliche Arbeit einzubeziehen. Das gleiche gilt für die Tierzucht, die Wäscherei, die Küche. Auch landwirtschaftliche Arbeiten können wieder aufgenommen werden. Abgesehen davon, daß das Heim durch all diese Unternehmungen verhältnismäßig autonom ist, ist es für einen Großteil der Behinderten auch eine sinnvolle Angelegenheit.

Die Heimbewohner

Es wohnen insgesamt 363 Kinder hier – von unter einem Jahr bis 18 Jahre, die die unterschiedlichsten Behinderungsgrade geistiger und körperlicher Art aufweisen. Es gibt einige Kinder, die nur körperlich behindert sind und mit entsprechender Förderung in ein normales Leben integriert werden können. Das gleiche gilt für leicht bis mittel geistig Behinderte.

Es gibt in Kulina keine Schule. Das einzige Förderungsprogramm für wenige Kinder wird über ein jetzt auslaufendes EU-Projekt von der Caritas abgewickelt. Hier ist dringend Abhilfe nötig. Denn ein entsprechendes Programm muß allen Kindern zur Verfügung stehen. Diese Schule muß so bald wie möglich installiert werden, denn die Räume dafür sind vorhanden.

Viele Kinder sind seit der Geburt nicht aus ihren Betten gekommen, so daß sie nie gelernt haben zu laufen, selbständig zu essen, sich anzuziehen – all das zu lernen, was auch unter diesen Umständen möglich wäre. Es ist in keiner Weise gerechtfertigt, diese Kinder 24 Stunden in ihren Betten zu lassen, Verformungen der Körpergliedmaßen dabei in Kauf zu nehmen und sie an die Bettgitter anzubinden.

Stereotype Bewegungen, Hospitalismus, Autoaggression, Inkontinenz, Hauterkrankungen, Kontrakturen und Fehlstellung sind nur ein Teil dessen, was an den Kindern hängen bleibt.

Krätze, infizierte Wunden und andere Parasiten, Gestank nach Urin und Kot könnten durch gekochte Wäsche, richtige Körperhygiene und ausreichenden Wäschewechsel behoben werden. Medikamente sind vorhanden, der Einsatz ist ungenügend, das Wissen darüber mangelhaft.

Ein Schritt in die richtige Richtung ist bereits gemacht worden. Es existiert ein zweimonatiges Ausbildungsprogramm, in dem die Putzfrauen, die auch für die Pflege der Bewohner zuständig sind, ausgebildet werden.

Da es keinen Krankengymnasten gibt, sind sehr schlimme und total unnötige Kontrakturen zu sehen. Durch das Nichtbewegen der Gelenke und das ständige Liegen im Bett sind die Knie und Hüftgelenke so steif, daß das Knie oft an der Brust fixiert wird und jeder Versuch, das Gelenk zu strecken, immense Schmerzen verursacht. Manche Kinder kann man nur noch durch Operationen von den Versteifungen lösen. Aber für viele neue und kleine Kinder wären krankengymnastische Übungen von großem Vorteil. Sie könnten sogar laufen lernen.

Viele Kinder können einzeln gefördert werden, manche sind sogar gar nicht behindert und die gehören auf keinen Fall dort hin. Warum sie in dieses Heim gekommen sind, weiß niemand. Flüchtlingskinder, Ausgesetzte – wer weiß.

Es bedarf großer Anstrengung, und man muß viel Einfühlungsvermögen haben, dem Personal die Situation bewußt zu machen. Es ist wichtig, eine Motivation zu erzeugen, in der man gemeinsam um jedes einzelne Kind kämpft, um das Beste aus der an sich schrecklichen Situation zu machen.

Zu den Kindern kommen noch 233 Erwachsene im Alter von 19 bis 75 Jahre. Meistens sind die Männer schwerer behindert als die Frauen. Einige könnten sicher aus ihrem tristen Dasein dadurch herausgebracht werden, wenn man sie in der Landwirtschaft, der Tierzucht, der Schreinerei unter Anleitung arbeiten lassen könnte.

Auch die Frauen, die weniger schwer behindert sind, könnten Aufgaben in der Näherei, der Wäscherei, der Küche übernehmen und für diese Arbeiten angelernt werden.

Veränderungen, zukünftige Aktivitäten

Von der baulichen Seite ist in Kulina schon eine Menge geschehen und weitere Renovierungen sind geplant, so daß ein reibungsloser Ablauf mit den vielen Menschen möglich wird und realisiert werden kann.

Dringende und wichtige Maßnahmen sind:

1. Eine Schule muß sofort etabliert werden.

2. Kinder und Erwachsene müssen untersucht und beurteilt werden. Für einige Kinder müssen Plätze in Behindertenschulen gesucht werden, wenn in Kulina eine entsprechende Förderung nicht laufen kann.

3. Die Cap-Anamur-Mitarbeiter müssen direkt mit den Ärzten, Schwestern und Cargivern zusammenarbeiten, täglich incl. Wochenende. Hier geht es vor allem um die fachliche Qualifizierung des Personals, damit unter Anleitung gezeigt und geübt werden kann.

4. Krankengymnastische Betreuung. Gehen lernen, essen und vieles mehr muß auch ohne fremde Hilfe von Caritas und EU anlaufen.

5. Unser Arzt/Ärztin muß mit zur Visite, damit Mängel gesehen und sofort behoben werden können.

6. Ausbildungsprogramme müssen laufen.

7. Enge Zusammenarbeit mit dem THW, kurzfristige Absprachen und ständiger Kontakt ist hier dringend erforderlich.

8. Weiteres Fachpersonal von der Regierung anfordern.

Es gibt noch viel mehr zu entdecken und zu ändern. Der Anfang ist gemacht, daß diese Menschen, die nie ein normales Leben führen können, wenigstens das bekommen, wo sie ein Anrecht drauf haben. Auf menschenwürdige Behandlung, ein Mindestmaß an Pflege – damit sie in ihrem Umfeld glücklich leben können.