Shangilia im Juli

“Wir werden was für Straßenkinder tun,” hatte Kenias Regenbogen-Koalition versprochen. Das war vor der Wahl. Nach der Wahl stellte sich dann heraus, dass über das “Was”  und “Wie” keiner ernsthaft nachgedacht hatte. Die gute Absicht blieb im Ansatz stecken. Dem ratlosen Stadtrat von Nairobi fiel nichts anderes ein, als das Problem, d.h. die Kinder zu verschieben.
So bekam auch unser Projekt in Kangemi 26 “Neue” zwischen drei und 14 Jahren zugeteilt und dass, obwohl die räumliche Enge ohnehin schon katastrophal ist. Aber – für uns unvorstellbar – schafften es die 180 Shangilia-Kinder, noch weiter zusammen zu rücken.

Zum Glück erntet Suzanne Njeri, die das Straßenkinderprojekt im Slumvorort Kangemi leitet, gerade die ersten Erfolge mit ihrem Reintegrationsvorhaben. Monatelang hat sie Familienangehörige der Shangilia-Kinder aufgestöbert, mit alleinstehenden Müttern, mit Großmüttern und Tanten verhandelt und Gespräche mit den Kindern und deren Familienangehörigen in Gang gebracht. Das Ergebnis: 16 Kinder wurden von Verwandten aufgenommen, allerdings  gegen die Zusage, dass Shangilia auch weiterhin für die Kosten ihrer Ausbildung aufkommt.

Als die Shangilia-Gründerin Anne Wanjugu  im April 2002 plötzlich starb, glaubten viele, das Projekt würde nicht überleben. Doch dann hat Suzanne Njeri sogar einen neuen Aufschwung zuwege gebracht. Im letzten Jahr geschah vieles für die meisten Kinder zum ersten Mal im Leben: zum erstenmal war jedes Kind beim Zahnarzt und besitzt jetzt Zahnbürste und -becher, zum ersten Mal hat jedes Kind eine “Schatztruhe”, eine eigene Metallkiste für Kleidung und Privates wie Schulauszeichnungen oder Popstarfotos und zum ersten Mal können sie in einem “Kinder-Parlament” mitreden darüber, was in Shangilia geschehen soll.

14 Kinder gehen inzwischen auf eine Secondary School (dem Gymnasium zu vergleichen) und  die ersten werden in zwei Jahren reif für die Uni sein. Aber auch bei einigen “hoffnungslosen Fällen”, die ihr Hirn durch Leimschnüffeln dauerhaft geschädigt haben, zeigen sich kleine Erfolge: Samson verdient sein Geld als Lastenträger auf dem Großmarkt  und Mwaniki verkauft Tee und gerösteten Mais. Allerdings ist Peter gerade von der Schule geflogen, weil bei ihm ein Röllchen des (in Ostafrika allgemein üblichen) Rauschmittels Bhang gefunden wurde und Albert ist mal wieder zurück auf die Straße gegangen. Also neue Arbeit für Suzanne.

Das Theater, durch das die Kinder Selbstbewusstsein und Selbstachtung erfahren sollen, läuft selbstverständlich weiter. Die Auszeichnungen, die die Akrobaten und Taekwondo-Kämpfer eingeheimst haben, füllen einen eigenen Schrank in Suzannes Büro. Allmählich wird bei den Kindern ein Shangilia-Bewusstsein spürbar, ein Stolz auf die Riesenfamilie, in der sie alle untergekommen sind: die Waisen und die Verstoßenen, die Herumstreuner und die Missbrauchten und zunehmend auch die Kinder der Straßenkinder.
Der Riesenfamilie droht allerdings der Kollaps, wenn sie nicht ganz bald einen Platz zum Leben bekommt: Platz zum Schlafen, Essen, Waschen, Lernen, Spielen… Bis jetzt sind die 200 Kinder in winzigen Räumen zusammengepfercht, übereinandergestapelt. Wenn der Regen kommt, wird das die Hölle. Aber  auch die neue kenianische Regierung  hat sich bislang nicht entschließen können, für die Kinder ein Stück Land bereit zu stellen.