„Die Menschen hier brauchen uns – heute mehr denn je“

Im Interview: Der Rostocker Krankenpfleger Johannes Plate (33) arbeitet seit drei Jahren in den Nuba-Bergen

Was ist das Besondere an diesem doch sehr abgeschiedenen Projekt?

Cap Anamur ist seit 20 Jahren hier und mittlerweile eine echte Konstante. Die Menschen, für die der Krieg zum Alltag gehört, vertrauen uns sehr. In den Monaten vor der Regenzeit hat sich die Situation nochmals verschlechtert: Flächenbombardements, auch auf zivile Einrichtungen und heftige Bodenkämpfe, bei denen viele Dörfer zerstört wurden. Internationale Hilfe gibt es in diesem isolierten Gebiet, in dem knapp eine Million Menschen leben, kaum. Wir haben es trotzdem geschafft, unser Versorgungsnetz auszuweiten und behandeln in unseren sieben Einrichtungen monatlich zwischen 15.000 und 20.000 Patientinnen und Patienten. Tendenz steigend. Die Menschen hier bauen auf uns – heute mehr denn je.

Ist das der Grund, weshalb du länger im Land bleiben möchtest?

Ja. Und es ist einfach schön mitzuerleben, wie sich das Projekt entwickelt. Ein großer Erfolg ist zum Beispiel unsere Impfkampagne. Seitdem 2011 der Krieg nach neun Jahren Waffenstillstand erneut ausgebrochen ist, wurde kein Kind mehr geimpft. Bei dem folgenden Masernausbruch starben viele Kinder an der Infektion. Wir haben es innerhalb kürzester Zeit geschafft, Impfstoff zu organisieren, ihn sicher in die Berge zu bringen und insgesamt knapp 80.000 Kinder unter fünf Jahren in den gesamten Nuba-Bergen zu impfen. Mittlerweile impfen wir in drei unserer Krankenhäuser wieder das gesamte Jahr über.

Hat dich dieser Einsatz verändert?

Ich bin nachdenklicher, aber auch gelassener geworden und sehe viele Dinge, die uns in der westlichen Welt begegnen mit mehr Abstand. In einer Welt wie den Nuba-Bergen, wo alles in einer unsicheren Zukunft liegt, erhalten viele Dinge eine andere Wertigkeit. Auch wenn mir Familie und Freunde schon immer sehr wichtig waren, so habe ich die Bedeutung von „Gemeinschaft“ und „den Moment genießen“ noch einmal anders schätzen gelernt. Wann immer hier der Einzelne nicht weiterkommt, ruft er die Dorfgemeinschaft zu Hilfe. Ob beim Häuserbau oder in der Anbau- und Erntezeit, dann ziehen 20 bis 30 singende Menschen gemeinsam auf die Felder. Das ist ein so schönes Bild! Auch ich konnte bei den Arbeiten an unseren kleinen Kliniken, wie dem Ausbessern der Dächer, immer auf die tatkräftige Unterstützung der Gemeinschaft zählen. Bei allem was ich gebe, bekomme ich sehr viel zurück.