Mein Einsatz in den Nuba-Bergen

Von unserer Mitarbeiterin Juliane Grothe

Als ich im Januar in den Nuba-Bergen im Süden des Sudan eingetroffen bin, wurde ich mit offenen Armen empfangen und sofort als vollwertiges Mitglied des Krankenhaus-Teams akzeptiert. Ich war ergriffen von der Herzlichkeit der Nuba. Das hat mir, zumindest auf persönlicher Ebene, den Einstieg in diese völlig andere und unbekannte Welt deutlich erleichtert. Fachlich hingegen war es mir als gelernte Krankenschwester anfangs fremd, plötzlich mit mehr Verantwortung und sehr umfangreichen Tätigkeiten konfrontiert zu sein und dementsprechend zu handeln.

Unser circa 50 Betten großes Krankenhaus ist aufgeteilt ist in eine Notaufnahme, eine geburtshilfliche Station sowie mehrere Kinder- und Erwachsenenbettenhäuser. Ebenfalls zugehörig sind ein kleines Labor und eine Apotheke.

Klinikalltag in den Nuba-Bergen

Zu meinen Aufgaben gehört das tägliche Visitieren der Patienten, das Diagnostizieren und Behandeln von Erkrankungen, das Versorgen von Wunden, das Assistieren im OP, das Erstellen von Dienstplänen und Verfahrensanweisungen sowie die Schulung des meist ungelernten Pflegepersonals vor Ort in allen Bereichen. Dazu zählen beispielsweise Fachwissen über Erkrankungen sowie Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten, Umgang mit Medikamenten, Hygiene und Dokumentation.

In den ersten Wochen waren die meisten Aufgaben für mich neu und die Unsicherheit groß. Die tägliche teilweise nur schwer zu ertragende Hitze und die Sprachbarriere haben ihr übriges getan. Und so saß – und sitze – ich in meiner Freizeit abwechselnd mit Fach- und Sprachbüchern und lerne so intensiv, wie zuletzt zu Ausbildungszeiten vor etlichen Jahren.

Visite auf Arabisch

Mittlerweile läuft alles viel flüssiger. Die Visite führe ich bereits teilweise auf Arabisch und hier typische Erkrankungen wie Malaria, Pneumonien und andere Infektionen, Diarrhoen, Verbrennungen, Abszesse sowie Mangel- und Unterernährung behandle ich aus dem Effeff. Mit jedem Tag wird es ein kleines bisschen einfacher und mit jedem gesund entlassenen Patienten wachsen auch die Selbstsicherheit und die Gewissheit, am richtigen Ort zu sein und das Richtige zu tun.

Dennoch sind unsere Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten limitiert, und so sterben leider viele Patienten, darunter auch Kinder, die in Deutschland jede Chance auf eine allumfassende Versorgung und Genesung hätten. Das zu akzeptieren fällt mir nicht immer leicht. Aber mit der Gewissheit, bei jedem einzelnen alle hiesigen Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben, wird es ein wenig erträglicher.

Viele der Patienten haben nur die meist durchlöcherte Kleidung, die sie am Leib tragen. Sind sie 7 Tage hier, tragen sie eben 7 Tage dasselbe. Die Kinder haben keine Windeln, und so bin ich schon das ein oder andere Mal in Pfützen auf dem Boden getreten oder mit nassem Kittel aus der Visite gekommen. Aber die strahlenden Kinderaugen – manchmal auch ängstlich oder unglaubwürdig dreinblickenden, da ihnen weiße Menschen nicht vertraut sind – entschädigen auf vielfache Weise.

Geschichten vom Krieg

Manchmal höre ich Geschichten über den Krieg – für mich nur schwer vorstellbar. Erschütternde Schicksale über persönliche Verluste, Flucht und Leid in diesem seit Jahren kriegsgebeutelten, von Medien und Öffentlichkeit vernachlässigten Teil der Erde. Trotzdem haben die Menschen meist ein Lächeln im Gesicht, ein freundliches Wort auf den Lippen und strahlen eine fast stoische Gelassenheit aus. Was sie seit so vielen Jahren regelmäßig erleben und ertragen müssen kann ich mir nur im Ansatz ausmalen.

Und so ertappe ich mich nach wie vor, wie ich den Himmel absuche, wenn ich die Antonovs kreisen höre oder die Vibrationen der Bombendetonationen in der Ferne spüre. Für die Leute hier ist das Alltag, das Leben geht dennoch weiter.

Nach 6 Monaten habe ich das Gefühl, schon ewig hier zu sein, angekommen zu sein. Ich bin gespannt, was in den nächsten Wochen noch auf mich wartet und hoffe, dass am Ende die kleinen Wunder die großen Tragödien überstrahlen, unter diesen unwirklichen Umständen, in dieser wunderschönen, kargen Landschaft irgendwo im Süden des Sudan.

Über Juliane Grothe

Die 31jährige Hamburgerin arbeitete seit Beginn des Jahres als Krankenschwester in dem Cap-Anamur-Krankenhaus in Lwere, inmitten der sudanesischen Nuba-Bergen. So können auch Sie bei uns mitarbeiten.