Ins Leben gekämpft

von Judith Große-Sudhues

„Seit inzwischen über einer Woche liefert der nationale Stromversorger wegen eines Fehlers im Umspannwerk keinen Strom mehr. Vermutlich wird das Problem erst Ende der Woche behoben werden. So gibt es auf den meisten Stationen nachts keinen Strom. Mit Ausnahme der wichtigsten Bereiche, die in den ersten Tagen über Batterien abgesichert waren: das Labor mit den Kühlschränken, die Notaufnahme und die Kinderstation. Für den OP konnten wir bei Bedarf den Generator starten, den unser Techniker Marc kurz zuvor repariert und installiert hatte.

Nach zwei Tagen waren allerdings die Batterien leer. Die Situation war kritisch, denn zu diesem Zeitpunkt wurden drei Kinder auf der pädiatrischen Station mit Sauerstoffbedarf behandelt. Der 9 Monate alte Jeremiah hat den Ausfall trotz einer Lungenentzündung ganz gut überstanden. Die beiden anderen Kinder waren aber ehemalige Frühchen und schwerkrank. Eines von ihnen hatte eine schwere Malaria und ist leider verstorben. Der andere Junge, der 3 Wochen alte Simon, hat eine schwere Lungenentzündung und erhielt Sauerstoff über den mit Strom betriebenen Sauerstoffkonzentrator. Über einen Monitor konnten wir seine Sauerstoffsättigung im Blut kontrollieren.

Als der Strom ausfiel, wurden unser Techniker und ich parallel alarmiert. Bei unserem Eintreffen war die Sauerstoffsättigung schon kritisch tief. Glücklicherweise gelang es uns mit Hilfe des Beatmungsbeutels die Zeit des Strom- und damit Sauerstoffausfalls zu überbrücken. Marc konnte den Generator rasch wieder ans Laufen bringen und damit die Situation entschärfen. Der kleine Simon hat diese heikle Situation gut überstanden. Langsam stabilisiert sich sein Zustand, aber er braucht weiterhin Sauerstoff. Erfreulicherweise läuft der Stromkonzentrator seit Tagen durchgehend und versorgt das ganze Hospital mit Strom.

Seit gestern Abend erhält Simon Muttermilch über eine Magensonde. Wir überwachen seine Herzfrequenz, die Sauerstoffsättigung im Blut und die Temperatur. Flüssigkeit und Medikamente erhält er über eine Tropf-Infusion. Mehrfach täglich schaue ich nach ihm. Er liegt derzeit auf der Erstversorgungsliege für Neugeborene. Ich nenne es meine kleine Intensivliege.

Heute konnten wir die Sauerstoffgabe beenden und ihn zu seinem Zwillingsbruder Joel ins Bettchen legen, den wir ebenfalls hier in Lwala behandeln. Er ist nicht so schwer erkrankt, doch beide Brüder müssen weiterhin mit Antibiotika behandelt werden.

Ich kümmere mich viel um die Früh- und Neugeborenen und bin immer wieder erstaunt, was man mit den wenigen Mitteln, die uns hier zur Verfügung stehen, erreichen kann. Den Standard einer deutschen Intensivstation gewohnt, hätte ich nicht gedacht, wie zäh und hartnäckig sich die Kleinen hier ins Leben kämpfen. Statt einem Inkubator gibt’s die wärmende Haut der Mutter beim sogenannten Känguruhen, durch das sich die Atmung des Frühgeborenen verbessert. Für die Infusion zählen wir Tropfen, anstatt eine elektrische Infusionspumpe zu nutzen. Es gibt weder Schnuller noch Sauger in verschiedenen Größen. So stillen die Mütter ihre Kinder, sofern das möglich ist. Falls nicht, wird Muttermilch mit einer Spritze in den Mund getropft, während das Kleine am Finger der Mutter saugt.

Besonders berühren mich auch die Besuche von Müttern mit Kindern, die sich noch mal bei meinen Vorgängerinnen bedanken möchten. Sie sind traurig, wenn sie Susanne, Nadine, Kathrin und die anderen Cap-Anamur-Helfer nicht mehr antreffen. Aber ich versuche, sie mit dem Versprechen, Fotos nach Deutschland zu schicken, zu trösten.“

Über Judith Große-Sudhues

Die 41-jährige Kinderärztin aus Dortmund arbeitet seit Juli dieses Jahres für Cap Anamur in Uganda.