Als Arzt in Afrika

Von unserem Mitarbeiter Igor Kindler

Tagesablauf in der Klinik

Ich arbeite seit Anfang April als Arzt in dem Cap-Anamur-Projekt in Bossembélé. Mein Tag beginnt um 8 Uhr mit der Visite. Diese wird mit den Interns, den hiesigen Studenten im letzten Ausbildungsjahr, und mit dem Team der jeweiligen Abteilung durchgeführt. Während der Visite wird der Therapieplan festgelegt und die neu aufgenommenen Patienten untersucht. Im Anschluss werden diagnostische und therapeutische Maßnahmen, wie zum Beispiel Punktionen oder Ultraschalluntersuchungen, durchgeführt.

Die klinische Ausbildung der Ärzte in der Zentralafrikanischen Republik ist hervorragend und die Interns benötigen meine Unterstützung nur im Bereich der Ultraschalldiagnostik. Alle anderen Untersuchungsmethoden und Punktionen beherrschen sie sicher. Am Nachmittag besprechen wir die Planung der anstehenden Arbeiten.

Nachts werde ich immer wieder zu Notfällen gerufen, vor allem im Bereich der Kinderheilkunde. Meistens handelt es sich dabei um akute Atemprobleme oder neurologische Komplikationen im Rahmen einer schweren Malaria mit Krampfanfällen und einem Mangel an roten Blutkörperchen. Die Therapie erfolgt aufgrund der begrenzten diagnostischen Möglichkeiten recht einheitlich mittels Sauerstoffgabe, Bluttransfusion, einer Zuführung von Flüssigkeit und der Verabreichung entsprechender Medikamente, die auch das Fieber senken.

Hohe Kindersterblichkeit

Viele Kinder erreichen unsere Klinik in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium, und leider kann nicht jedes Leben gerettet werden. Doch warum kommen einige der Patienten erst so spät, manchmal zu spät?

Die Zentralafrikanische Republik ist ein armes Land mit einer im Vergleich zu Europa schlechten Infrastruktur, so sind beispielsweise nur 643 von insgesamt 23.810 Kilometern Straße geteert. Unsere Patienten kommen aus einem Umkreis von rund 50 Kilometern. Zwar gibt es für die meisten eine Krankenversorgung durch Gesundheitsposten im nahen Umkreis, diese beschränkt sich aber oft auf die Malariatherapie sowie die Verabreichung von Antibiotika, Schmerzmitteln und Vitaminpräparaten, selten auch Infusionen. Viele unserer Patienten können sich diese Behandlung nicht leisten. Die notwendige Therapie wurde somit häufig unvollständig oder gar nicht durchgeführt. Eine Verlegung der Patienten in unser Krankenhaus erfolgt aufgrund der Transportkosten oft spät. Deswegen kann vor allem den Menschen, die in der Nähe eines Krankenhauses leben, nachhaltig geholfen werden.

Unter- und Mangelernährung

Ein weiterer Grund für die hohe Kindersterblichkeit liegt im Ernährungszustand: Viele Kinder sind unter- beziehungsweise mangelernährt und in Folge dessen ist ihr Immunsystem geschwächt. Unter diesen Voraussetzungen erhöht sich das Risiko der betroffenen Kinder, an Malaria, einer HIV-Infektion oder Tuberkulose zu sterben.

Zwar ist der Staat nicht untätig, es existieren kostenlose staatliche Programme zur Behandlung von HIV und Tuberkulose. Und auch die Schwangerenvorsorge und die Impfprogramme werden kostenlos angeboten. Diese erreichen jedoch nur einen geringen Bevölkerungsanteil von etwa 3 Prozent – im Vergleich zu rund 17 Prozent in den Nachbarländern Tschad und Kongo.

Neben der modernen Medizin nutzen viele Zentralafrikaner bei Krankheit häufig den lokalen Heiler als ersten Ansprechpartner. Doch dieser traditionelle Weg kann bei schweren Malariaerkrankungen, einer Sepsis sowie den anderen hier vorherrschenden Infektionskrankheiten und Mangelzuständen leider nicht langfristig helfen.

Große Armut

Letztlich kann man festhalten, dass Armut die primäre Krankheitsursache darstellt. Die Zentralafrikanische Republik gehört zu den zehn ärmsten Ländern der Welt. Erinnerungen an Kinder, die in lebensbedrohlichem Zustand zu uns kamen, bleiben im Gedächtnis: Die durch Unterernährung, Malaria oder Tuberkulose geschwächten Jungen und Mädchen, die über Wochen von Krankenschwestern behandelt wurden, ihre Erkrankung überwinden und stabilisiert nach Hause entlassen werden können. Das ist für uns jedes Mal ein Erfolgserlebnis. Den meisten unserer kleinen und großen Patienten kann geholfen werden.

Blick nach vorne

Neben der Tätigkeit in Bossembélé unterstützen wir finanziell ein weiteres Krankenhaus in Yaloké sowie in Ndjoh. Im letztgenannten führen wir regelmäßig mit dem lokalen Team Konsultationen durch. Diese werden von zahlreichen Patienten besucht. Durch die finanzielle Unterstützung der staatlichen Gesundheitsstrukturen leistet Cap Anamur einen wichtigen Beitrag: Dank der kostenlosen medizinischen Versorgung in Bossembélé und Umgebung genesen wesentlich mehr Kranke als in vergleichbaren Regionen. Durch die Erweiterung und Modernisierung des Krankenhauses in Bossembélé erreichen wir zusammen mit unseren örtlichen Partnern eine dauerhafte Verbesserung der lokalen Gesundheitsstrukturen und tragen somit hoffentlich zum wünschenswerten Aufschwung des Landes bei.