Zwischen Hilfsbereitschaft und Wirtschaftskrise

Im Libanon brodelt es

Ammar wurde im Libanon geboren, seine Familie ist aus Syrien geflohen. Dort war sein Vater Fliesenleger, doch seit die Familie im Libanon ist, nimmt er jeden Job an, um seine Frau und die Kinder zu ernähren. Aktuell arbeitet er als Tagelöhner auf dem Bau, während seine Frau sich um Ammar und seine beiden Schwestern kümmert. Zu fünft wohnt die Familie in einem einzigen Zimmer. Mehr können sie sich nicht leisten, denn der eineinhalbjährige Ammar ist krank. Er hat Methylmalonazidurie (MMA) – eine angeborene Stoffwechselkrankheit, die unter anderem zu einer enormen Lernverzögerung und unbehandelt zu dauerhaften, lebensbedrohlichen Schäden führen kann. Die Eltern kümmern sich rührend um ihr Kind und statt sich eine größere aber auch teurere Wohnung zu suchen, zahlen sie Ärzte, Diagnosen und Medikamente für ihren Sohn. „Es gibt kaum noch Arbeit“, erzählt Ammars Vater, „und das Geld, das ich verdiene, ist jetzt mit der Krise noch weniger wert“.

Der Libanon steckt tief in einer Wirtschaftskrise. Seit Oktober 2019 protestiert das libanesische Volk immer wieder gegen die führenden Politiker des Landes. Sie werfen ihnen Misswirtschaft, Korruption und die Verschuldung der Finanzkrise vor. Die Krise trifft die Flüchtlinge besonders schwer. Der Libanon hat im Verhältnis zu seiner Bevölkerung die meisten Geflüchteten aufgenommen hat. Über eine Millionen Syrerinnen und Syrer leben dort. Aus der anfänglichen Hilfsbereitschaft des Landes ist im Laufe der Wirtschaftskrise auch immer mehr Unmut bei der libanesischen Bevölkerung gegen die syrischen Flüchtlinge gewachsen. Viele Libanesen wünschen sich eine Rückführung der syrischen Flüchtlinge. Die wenige Arbeit, die es im Land noch gibt, wird kaum noch an Flüchtlinge vergeben. Darunter leiden die Vertriebenen, doch an eine Rückkehr nach Syrien ist, auch wenn das der Wunsch der meisten ist, aktuell noch nicht zu denken.

Ammars Vater ist froh überhaupt einen Job zu haben und mit seiner Familie nicht ausschließlich auf Hilfe angewiesen zu sein. Der kleine Ammar ist inzwischen in unserem Projekt für Flüchtlingskinder mit Behinderung aufgenommen worden. Als er zu uns kam, konnte er ohne Unterstützung nicht sitzen, nicht krabbeln und nicht greifen. Er konnte seinen Kopf selbst nicht aufrichten und nicht sprechen. Inzwischen sitzt er ohne Stütze in unserer Physiotherapie. Er hebt den Kopf. Er reagiert auf Ansprache. Er krabbelt, und mit Hilfestellung läuft er seit ein paar Tagen etwas. Er greift nach unseren Händen. Irgendwann wird er seine Verzögerung aufgeholt haben. Dann wird er hoffentlich ein friedliches Leben führen. Und während er mit unseren Physiotherapeuten an einer besseren Zukunft für sich arbeitet, hat seine Familie etwas Zeit, sich um Arbeit und Ammars Geschwister zu kümmern.